Auf breiter Front (Signale 1979-S)

Rallye-Logo, Rallye

Eindrücke und Erinnerungen aus der Arbeit des Kollektivs der AWE-Sportabteilung

„Im Alleingang läuft bei uns gar nichts. Das weiß hier jeder, und darüber diskutiert niemand." Einer von ihnen sagte es und wischte sich dabei mit einem Putzlappen die Handflächen.

 

Wir standen in der kleinen Werkhalle, dem Heimatdomizil der Sportabteilung.

Wir standen da und wollten noch einige Auskünfte für diesen Report. „Macht's kurz, wir haben es eilig und 'ne Menge zu tun." Sie rüsteten die Wagen für die Jugoslawien-Rallye. Zwei wollten morgen schon vorausfahren. Streckenerkundung, Bordbücher anlegen für hunderte wichtiger Wettbewerbskilometer, Bordbücher gleich mit für die anderen, „250 Meter, links, dritter, voll," und so weiter. So würden dann die Ansagen des Copiloten über die Bordsprechanlage kommen.

Und eine einzige falsche Ansage kann nicht nur Zeit, den Erfolg kosten, sondern unter Umständen äußerst verhängnisvoll sein.

Keinerlei Versagen lag vor, daß 1977 zur Akropolis-Rallye die beste WARTBURG-Besatzung, an 19. Stelle im Gesamtklassement liegend, mit ihrem Gruppe-2-Auto ausfiel. Bei einem Überholmanöver in dicker, von Konkurrenten aufgewirbelter Staubwolke krachten sie voll in ein großes abgrundtiefes Loch. Aus. Zwar war an sich nichts passiert, die Männer hingen in ihren Hosenträgergurten, Schutzhelm auf. Aber der Wagen, der, wie sich später herausstellte, nach diesem spektakulären Crash noch fahrtüchtig war, den konnten die beiden beim besten Willen nicht mehr innerhalb der Karenzzeit aus der Grube bergen.

Ebenfalls zur Akropolis-Rallye, jedoch der im Jahre 1958, rettete der Fahrer des Service-Wagens gewissermaßen den gesamten WARTBURG-Einsatz. Auf der Anfahrtstrecke hatte hinter Triest Hochwasser die Straßen meterhoch überschwemmt. Ohne den Service-Rückhalt jedoch wäre die Equipe, die sich bereits in Athen befand, aktionsunfähig. Da half nur noch rasches Handeln und das be-rühmte Gewußt-wie. Der Servicewagen-Fahrer improvisierte. Er charterte kurzerhand auf eigene Faust einen hochrädrigen Lastwagen, verlud darauf das Service-Fahrzeug, das so im Huckepack durch das Überschwemmungsgebiet laviert wurde. Der unbedingt erforderliche Kontakt mit den Einsatzwagen funktionierte wieder. Alle atmeten auf.

Tatsächlich sind alle aufeinander an-gewiesen. Alle — das sind, selbst bei Einsatz aller vier Werkswagen, kaum mehr als 10 oder 11 Mann. Fahrer, Copiloten, Service-Mechaniker, Technik-Leiter und Leiter des Sporteinsatzes — man kann sie alle an den Fingern aufzählen, und die Reihenfolge hier hat nichts mit irgendeiner für den Erfolg bedeutsamen Rangliste zu tun. Jeder steht rückhaltlos für den anderen ein. Das Ganze ist wirklich echtes Gemeinschaftswerk. Fast braucht es nicht erst noch gesagt zu werden: Zur Sache selbst werden die Voraussetzungen bereits in der Produktion geschaffen. Ohne den dort vom Band rollenden Serienwagen wäre an Rallyesport nie zu denken. Weder 1954 noch heute.

Die WARTBURG-Werkswagenfahrer walten ihres Amtes zwar beruflich, aber alles andere als im Stile von hochdotierten Star-Akteuren bei westeuropäischen oder japanischen Konkurrenzmarken. Natürlich haben im Laufe von mittlerweile 25 Jahren bereits mehrmals „Generationswechsel" stattgefunden, aber jeder, der in einem WARTBURG-Werkswagen saß oder sitzt, kann auf jeden Fall sehr viel mehr als allein Vollgasgeben oder Bordinstrumente ablesen. Sie sind hochqualifizierte Facharbeiter, Spezialisten, kommen aus diesem oder jenem Produktionsbereich des Betriebes, arbeiten nach „Ablösung" wieder dort oder, mit den erworbenen weiteren Kenntnissen und Fähigkeiten, in einer anderen Abteilung.

Es war bei einer der ersten Rallyes, bei denen die WARTBURG-Mannschaft mit 311er Wagen gegen damals schon sehr starke und massiv entwickelte internationale Konkurrenz antrat. Sonderprüfung auf der Südschleife des Nürburgringes. Eine der WARTBURG-Besatzungen ist gestartet. Stoppuhren ticken. Die Zeit läuft, läuft. Eigentlich müßten sie schon längst wieder auf der Geraden aufgetaucht sein. Hoffentlich kein Unfall. Da, endlich kommen sie. Unterwegs hatte es einen Defekt gegeben. Andere hätten angesichts des Schadens resigniert. Sie nicht. Fahrer und Copilot wechselten am Pistenrand mit Bordwerkzeug eine Antriebsgelenkwelle. In 15 Minuten.

Geradezu selbstverständliches Alles-für-einen praktizierte das WARTBURG-Kollektiv beispielhaft zur Rallye Monte Carlo 1973. Wer dabei war, wird sie lange nicht vergessen, die „Skandaletappe" auf der Ardeche-Rundstrecke Burzet-Burzet. Eine WARTBURG-Besatzung, mit der niedrigen Startnummer 22, war noch durchgekommen, ehe ein Fahrzeug durch Unfall die Straße versperrte und bis zu dessen Bergung dann Schneewehen die Strecke völlig blockierten. Unverständlicherweise

 

wurde nicht neutralisiert, keine Chance mehr für die zwei anderen WARTBURG-Teilnehmerpaare. Sie begaben sich jedoch nicht zur Ruhe, sondern fuhren fortan mit Service, machten Depot-Dienst, stellten ihre Spezialreifen den Gefährten zur Verfügung und sicherten so der noch im Wettbewerb verbliebenen WARTBURG-Besatzung den Erfolg bei dieser Rallye Monte Carlo.

Vier Angehörige der Sportabteilung wurden ausgezeichnet als „Meister des Sports".

Einer der „Alten" sinnt nach, als sie zum ersten Mal bei der schwedischen Rallye Mitternachtssonne starteten. Sie hatten ein arg flaues Gefühl, kamen sich wirklich vor wie Anfänger, und es war aufregend schwer. Weniger wegen des IFA F 9, „mit dem kamen wir schon gut zurecht. Aber so plötzlich mitten in europäischer Elite mitzumischen, unter völlig fremden Bedingungen, mit Linksverkehr, und eben überhaupt ..."

Nun ja, inzwischen haben sie, die man zuweilen auch als „Diplomaten am Lenkrad" bezeichnete, für nachhaltige Erfolge und internationale Anerkennung des DDR-Erzeugnisses WARTBURG gesorgt.

 

Schließlich rutscht einer nochmal auf dem Rollbrett ein Stück unter dem Wagen vor, den Schraubenschlüssel in der Hand, und meint: „Denk' mit daran, daß uns allen der Direktor für Sport der Volkseigenen Automobil- und Motorradindustrie in den ganzen Jahren so außerordentlich stark geholfen hat, sozusagen auf jeder Strecke. Und dann die Leute in unserer Zulieferindustrie. Auch bei denen müssen wir uns für viele Sonderleistungen bedanken."