Droht dem Auto Stadtverweis? (Signale 1972-1)

Mit der folgenden Betrachtung soll und kann unsererseits keine allgemeingültige Doktrin aufgestellt oder gar einem Automobil-Absolu­tismus das Wort geredet werden. Aber der Beitrag mag vielleicht zu Denkanstößen ver­anlassen, die im großen und ganzen zweck­dienlich sind. Das ist die Absicht.

Vor Jahrzehnten schon meinte jemand, dar (seinerzeitige) Kraftwagen sei gebaut für den Verkehr von morgen auf Straßen von gestern. Tatsächlich eröffnete das Automobil dem Men­schen völlig neue Möglichkeiten, um schneller als mit der Pferdekutsche und unabhängig von Fahrplan und Schienenstrang zu irgendeinem Zielort zu gelangen. Demgegenüber steckte jedoch das vorhandene Straßennetz vermeintlich freier Fahrt gewisse Grenzen, und das Automobil stand in gewissen Abhängigkeiten von den jeweiligen Wegeverhältnissen.

Inzwischen sieht vieles ganz anders aus.

Der Straßenbau ist dem freilich „vorauseilen­den" Werdegang des Automobils in etwa gefolgt und befaßt sich bereits mit Planung und Anlage von Straßen für den Verkehr von morgen.

Kernprobleme treten aber in Ballungsgebieten und Großstädten zutage, wo zuweilen der Fahrzeugverkehr nur noch schrittweise vorangelangt oder, mit Hinweisen beispielsweise auf Paris oder Tokio, völlig zum Erliegen kommt. Das Sich-Abfinden damit, daß der Automobilverkehr früher oder später in der Masse sozusagen an sich selber ersticken würde, hieße passive Resignation des Menschen anstelle ordnender Eingriffe. Jedoch auch die totale Verbannung des Automobils aus den Städten durch formale Verwaltungsakte bedeutet Hilflosigkeit und rückständiges Verzichten auf offenkundige Vorteile. „Das ist unmöglich und lohnt sich auch nicht", so schlußfolgert u. a. der sowjetische Professor W. Butjagin zu solchen Konfliktsituationen. Vielmehr sind Komplexmaßnahmen am ehesten imstande, jene Problematik befriedigend zu lösen. Dabei werden sicher öffentliche Verkehrsmittel, die selbstverständlich wesentlich attraktiver zu gestalten sind (und dann wirklich zur Weiterfahrt von ausreichenden Parkplätzen in die Stadtzentren anregen) eine größere Rolle spielen. Und, um nochmal Prof. Butjagin zu zitieren: „Die Städtebauer sind verpflichtet, sowohl dem Fußgänger als auch dem Autofahrer Rechnung zu tragen".

Im Grunde und trotz mancher (mehr oder weniger diskutablen) Anfechtungen besteht Einstimmigkeit darüber, daß es nach wie vor kein besseres individuelles Verkehrsmittel gibt als das Automobil. Dessen vernunftgemäße Integration in gesamtheitliche Belange — darauf kommt es an!