Spitzenklasse (Signale 1973-3)

Blick auf die Situation im Tourenwagensport

 

Die Erfolgsbilanz von 1972 und die ausgezeichnete Platzierung des WARTBURG 353 zur Rallye Monte Carlo als Auftakt zum Sportjahr 1973 sind gewiß noch nicht in Vergessenheit geraten. Diese hervorragenden Ergebnisse sowie die zur Zeit erfolgende Beteiligung der Eisenacher Werksmannschaft an internationa­len Rallyes lassen sich jedoch erst vollends richtig einschätzen bei realistischer Erkenntnis der Sachlage und im objektiven Vergleich mit dem Konkurrenzaufgebot.

 

Tatsache ist, daß die Großen Preise ihre ein­stige Funktion als ein förderndes Element in der Automobilentwicklung längst verloren haben. Ebensowenig können absolut serienfremde Formelrennwagen als Beweismittel für irgendwelche Qualitäten von industriell er­zeugten Automobilen herhalten. Gleiches gilt für sogenannte Sportwagen oder die bei lnterserie- und CanAm-Rennen erscheinenden Fahrzeuge, die 1973 teils mit Motorleistungen um 1000 PS antreten. Auch die internationalen Tourenwagenrennen rücken schon in ein sehr zweifelhaftes Licht, nachdem hier nur wenige Marken mit Rennautos konkurrieren, die gleichfalls vom Serienprodukt ganz weit entfernt sind.

 

Daher finden die am ehesten noch über den Stand der Serienwagenentwicklung auskunftgebenden automobilsportlichen Konfrontationen beinahe ausschließlich auf dem Rallyesektor statt.

 

Weil da nun Rallyeerfolge hohe Werbewirksamkeit haben un in Absatz und Gewinne umzumünzen sind, legen ständig mehr Automobilmarken gesteigerten Wert auf möglichst gut abschneidende Vertretung bei Rallyes.

 

Dazu nun einige Sondierungen.

Einmal bestand und besteht bei den internationalen Wertungsläufen im Rallyesport keineswegs von vornherein — wie zuweilen noch angenommen wird — vom Reglement her Chancengleichheit für alle. Denn die angewendete Scratch-Wertung differenziert im Gesamtklassement nie bezüglich Hubraumklassen und Fahrzeugkategorien. Auf Langstrecke und in Sprintprüfungen werden an sämtliche Teilnehmer — ob mit einem hubraumkleinen Serientourenwagen der Gruppe 1, zu der ein normaler WARTBURG 353 gehört, oder mit einem großvolumigen Spezial-GT der Gruppe 4 — gleiche Maßstäbe angelegt, sei es bei den Etappen-Sollzeiten oder in den erzielten Geschwindigkeiten bei den meist letztlich ausschlaggebenden Sonderprüfungen. Daher orientieren sich, und dies ist zweiter Hauptpunkt in der Lagerbeurteilung, die um jeden Preis auf Markenprestige und Verkaufsanregung abzielenden Konkurrenzfirmen auf Einsatz in denkbar obersten Etagen.

 

Sie engagieren sich mit personellen und tech­nischen Aufwendungen, die verschiedentlich die Größenordnung von Formel-1-Beteiligung erreichen und sogar übertreffen. Fakten sind beispielsweise, daß professionelle Starpiloten, die je nach Höhe des Angebots von einer Marke zur anderen wechseln, gegen horrende Beträge eingekauft werden, daß zur diesjährigen Rallye Monte Carlo der Service für das erfolgreiche französische Werkteam neben sechs Trainingswagen allein 13 Mechanikerpaare, sieben voll ausgelastete Reifentransporter, zwei Tankwagen sowie sechs Wagen zur Einsatzregie umfaßte und daß die Investi- tionen für dieses Gesamtaufgebot auf mehr als eine Million Mark veranschlagt werden.

 

In solcher Hinsicht gibt es keine auch nur annähernden Parallelen bei der WARTBURG-Betreiligung seitens der Eisenacher Sportabteilung.

 

Ebenso sieht es mit der eingesetzten Technik aus. Der Gesamtsiegerwagen von Monte Carlo war ein reinrassiger 18800-cm³-Spezial-GT, der mit 180 PS homologiert ist, einer Leistung , die von anderen Konkurrenzfahrzeugen in höheren Hubraumklassen mit 205, 220 und 250 PS noch übertroffen wird. Dagegen liegen die Leistungen der in der 1150-cm³- Hubraumklasse antretenden Gruppe-2-WARTBURG zwischen 80 und 90 PS. Inzwischen erhält der zugespitzte Trend zu extrem hochfrisierten Wettbewerbswagen weiteren Vorschub durch neue Baufreiheiten, die u. a. auch die Zurichtung von Viertaktmotoren mit zwei obenliegenden Nockenwellen und vier Ventilen pro Zylinder gestatten.

 

Mit dieser Skizzierung geht es nur um ein Klarstellen von Verhältnissen, nicht um das Dramatisieren des WARTBURG-Werkseinsatzes oder ein zorniges Aufbegehren von Gehandi­capten.

 

Daß jedoch Reformbestrebungen im Gange sind, so von Schweden ausgehend, den Rallyesport wenigstens etwas zu entschärfen und ihn mit seriennahen Konzeptionen vor ekla­tanten Widersprüchen und Abwegen von der Gebrauchswagen-Wirklichkeit zu bewahren, sei auch erwähnt.

 

Noch aber sieht sich die WARTBURG-Werkswagenbeteiligung bei den jetzigen Wettbewerben allem anderen gegenüber als einer weichen Welle.