Leistungszentrum (Signale 1973-5)

Im ersten Wartburg-Motorwagen war der Zweizylindermotor an der Hinterachse angeordnet.

Eisenacher Automobiltriebwerke gestern und heute

 

Erst die in einem langdauernden Prozeß erfolgte Entdeckung und Anwendung des Motors machte gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Kutsche zum selbstbeweglichen Kraftwagen.

Weniger das Fahrzeug an sich, sondern die spezifisch geeignete Antriebsquelle war das wirklich Entscheidende für den damals beginnenden Werdegang des Automobils, und auch oder gerade heute ist der Motor nach wie vor das A und O vom Auto. Dabei steht neben verschiedenen anderen Beurteilungsmerkmalen, z. B. Kraftstoffverbrauch oder Laufruhe und Lebensdauer oder Abgasemission — und darauf gehen wir übrigens in einem gesonderten SIGNALE-Beitrag ganz speziell ein —, unverändert ein Kriterium im Brennpunkt. Das ist die Leistung. Schon bei Automobil-Vorstellungen lautet überall eine erste Standardfrage: „Wieviel PS hat der Wagen?"

 

Tatsächlich ist die Entwicklung der Motorleistung eines der gravierendsten Merkmale im Automobilbau.

 

Als vor der Jahrhundertwende in Eisenach der 479-cm³-Motorurg-Motorenwagen erschien, leistete der luftgekühlte 479-cm³-Motor im Mo-dell 1 etwa 3,4 bis 4 PS und der wassergekühlte Motor des Modells 2 etwa 5 PS. Heute hat der Motor im WARTBURG 353 bekanntlich eine Leistung von 50 PS.

Dazwischen liegen acht Jahrzehnte fortwährender Entwicklung im Motorenbau.

 

Hier ein Ausschnitt von der komplizierten Ventilsteuerung im Sportmotor 328.Außer dem Hinweis auf die Zeitspanne bedürfen die Angaben sogleich einer Relativierung, um das Ausmaß technischer Fortschritte konkret zu veranschaulichen. Es ist selbstverständlich ein Unterschied, ob eine bestimmte PS-Leistung aus einem kleinen oder größerem Motor zustandekommt. Gradmesser ist demnach die spezifische Leistung pro dm³ Hubraum, ausgedrückt in PS/l. Umgerechnet auf die beiden genannten Eisenacher Automobilmotoren bedeutet das einmal, für den Motor damals im Wartburg-Motorwagen 7 PS/l und zum anderen 50 PS/l jetzt.

Das ist doch eine imponierende Steigerung.

Hier ist nun aber eine wesentliche Tatsache sehr interessant und nachdenkenswert. Der Zuwachs an Leistungsausbeute, immer an absolut kennzeichnenden PS/l gemessen, erfolgte rund 50 Jahre lang ziemlich kontinuierlich, stieg jedoch im modernen Eisenacher Automobilbau während der letzten zwei Jahrzehnte geradezu progressiv an. Oder mit anderen Worten präzisiert: Genau seit Einsatz und intensiv betriebener Kultivierung des Dreizylinder-Zweitaktmotors im Eisenacher Werk erhielt die Kurve der gesamten bisherigen Leistungsentwicklung einen bezeichnenden Ruck nach oben.

 

Der Zweiliter-Sechszylindermotor des  EMW 340-2 leistete 55 PS.Dieser Hinweis soll zuvor erreichte Ergebnisse keineswegs herunterspielen, zumal vom Eisenacher Werk schon früher maßgebende Beiträge zur Vervollkommnung des Automobilmotors geliefert wurden, sei es während der Dixi-Markenepoche ab 1904 oder später dann mit den erstklassig renommierten Zweiliter-Sechszylindermotoren. Das eindrucksvolle Beispiel aus jener Baureihe war und ist der Motor des Typs 328, der mit seiner ausgeklügelten Steuerung der V-förmig in die Brennräume ragenden Ventile eine 1938/39 hervorstechende Leistung von 80 PS abgab. Die 40 PS/l dieses ausgesprochenen Sportmotors sind inzwischen vom 353er WARTBURG-Serienwagen überholt, natürlich auch die 22,5 PS/l oder 27,5 PS/l vom Eisenacher Typ 321 oder von dem bis 1955 gebauten EMW 340-2.

Mittlerweile war 1953 in Eisenach der Schritt zum Dreizylinder-Zweitaktmotor erfolgt, und von anfangs 31 PS/l stieg die spezifische Leistung dieses Triebwerkes auf 41 und 45 PS/l im WARTBURG 311 und 50 PS/l jetzt im WARTBURG 353.

Vergleichsweise ist dies aber noch nicht alles an Wertungsmaßstäben. Man mag sich vor Augen halten, mit welch immens geringerem mechanischen Aufwand gegenüber dem damaligen Sportmotor 328 heute die 50 PS/l im 353-Serienmotor realisiert werden. Freilich läuft dieser Fingerzeig abermals auf die Binsenweisheit hinaus, daß der Zweitaktmotor bislang unübertroffen ist an Einfachheit im gesamten Aufbau, aber diesen Sachverhalt und die damit verbundenen Vorteile sollte man eben im Hinblick auf die Leistungsentwicklung auch nicht übersehen.

 

Da steckt Kennzeichnendes unter der Haube: das 50 PS leistende Fronttriebwerk des 353.Überdies ist, so merkwürdig es klingt, Leistung nicht gleich Leistung. Es fehlt hier der Platz, um die Zusammenhänge zwischen Leistung und Drehmoment zu erläutern und wie das sich ergibt, was als Elastizität bezeichnet wird. Im kürzlich veröffentlichten Testbericht einer Fachzeitschrift über den WARTBURG 353 heißt es dazu lobend: „Der Motor geht, wie man so sagt, vom Keller bis zur Esse hinaus." Exakt sind die vom 353er Motor bei 3000 U/min bereitgestellten 10 kpm max. Drehmoment ein Spitzenwert innerhalb des internationalen Aufgebots vergleichbarer Motoren.

Und schließlich kommt es darauf an, wo am Auto die Leistung auf die Straße gebracht wird. Es ist kein Geheimnis mehr, sondern offensichtlicher jüngster Trend, daß Frontantrieb wegen seiner wirkungsvollen Vorzüge heute im Personenkraftwagenbau die aktuellste Konzeption ist. Dieses Prinzip der Kraftübertragung auf die Vorderräder praktiziert das VEB Automobilwerk Eisenach jedoch bereits seit nunmehr 20 Jahren.

 


Bilder von oben nach unten:

Im ersten Wartburg-Motorwagen war der Zweizylindermotor an der Hinterachse angeordnet.

 

Hier ein Ausschnitt von der komplizierten Ventilsteuerung im Sportmotor 328.

 

Der Zweiliter-Sechszylindermotor des EMW 340-2 leistete 55 PS.

 

Da steckt Kennzeichnendes unter der Haube: das 50 PS leistende Fronttriebwerk des 353.