Ein Rückblick (Signale 1974-3)

Der IFA F9 Kombi wurde von den Eingeborenen in Afrika redlich bestaunt und bewundert.

...auf die erste Typengeneration Eisenacher Automobile: Zerreißprobe in der Wüste

 

Unter original dieser Überschrift schrieb „Die Furche", eine sonst nicht mit Automobilismus befaßte Wiener Zeitschrift, in ihrer Ausgabe vom 29. September 1956:

Die moderne Automobilkonstruktion hält heute vielfach mehr aus, als man ihr schlechthin zutrauen würde. Wenn heute ein normaler Wagen, der ausschließlich für den Gebrauch auf relativ guten Verkehrswegen gebaut ist, dazu ausersehen wird, in der afrikanischen Wüste oder im Busch eingesetzt zu werden, so wird das von seiten der Fachwelt, aber auch von Laien von vornherein als praktisch undurchführbares Unternehmen betrachtet werden.

 

Daß dies im Einzelfall jedoch dennoch zu einem guten Ende führen kann, bewies die Österreichische Westafrikaexpedition 1956, die neben einem Humber-Geländewagen einen IFA F9 Kombi für die Expedition verwendete. Dieses Fahrzeug beließen die Expeditionsmitglieder in vollkommen serienmäßigem Zustand und fuhren damit rund 28 000 km durch die Sahara und den afrikanischen Busch. Wie man sehen konnte, war dieser Optimismus letzten Endes berechtigt, denn das Fahrzeug kam in beachtlich gutem Zustand wieder nach Wien zurück. Dies ist geradezu unglaublich, weil man sogar davon absah, primitivste Veränderungen, wie etwa die Anwendung eines Wüstenfiters oder staubdichte Verkapselung der Frontantriebsgelenke oder den Einbau eines großen Kühlers, durchzuführen.

 

Die Österreichische Westafrikaexpedition 1956, die sich zur Aufgabe stellte, phonetische Dokumentationen über Afrika für das Archiv des Wiener Völkerkundemuseums zu sammeln und den Fetischkult im Gebiet des Niger und Dahomey zu erfassen, brach von Wien am 21. Dezember 1955 auf und beendete hier die erfolgreiche Expedition am 6. September 1956. Sie erhielt den IFA F9, Baujahr 1954, mit einem Kilometerstand von 10 000 km und legte mit diesem Wagen in Afrika 28 000 km zurück. Die Route führte über Algier auf der Tanezroufpiste durch die Sahara und nach deren Durchquerung in das eigentliche Forschungsgebiet am Niger. Vom Stützpunkt Niamey wurden Stichfahrten bis zu 400 km in den Busch unternommen und dort insgesamt 15 000 km zurückgelegt. Beim Durchstoß an die Atlantikküste wurden auch im Dahomeygebiet ausgedehnte Stichfahrten unternommen. Die während der Regenzeit auftretenden Tornados und plötzlich einsetzende, wasserfallartige Regengüsse verwandelten die Pisten in grundlose Moraste. Der wellblechartige Zustand des größten Teils der Piste brachte es mit sich, daß der Wagen ungefähr rund 48 Millionen Stößen ausgesetzt war und dies bei Vertiefungen bis zu 20 cm.

 

Solche relativ guten „Straßen", wo trotzdem immer eine Brückenerkundung notwendig war, hatten auf der Expedition Seltenheitswert.Während der ganzen Dauer der Expedition war der Wagen mit vier Personen und etwa 370 kg Gepäck belastet. Der Kraftstoffverbrauch, der unter den afrikanischen Gelände- und Straßenverhältnissen im allgemeinen um 50 Prozent höher als normal angenommen wird, betrug nur um ein Drittel mehr. 90 Prozent der Saharastrecke wurden mit Übertemperatur des Motors gefahren. Die Außentemperatur betrug dort bis zu 55 Grad, während sie im Nigergebiet sogar bis 75 Grad betrug. Es ist nur natürlich, daß der Wagen die Beanspruchungen nicht ohne jegliche Schäden überstand. Auf der Wellenpiste wurde durch die enorm große Schüttelbeanspruchung der Kühler undicht, auf unwegsamen Geländestrecken der hinten und tief liegende Benzintank durch Steinschlag leck, und innerhalb der Regenperiode mußten einige Störungen der ebenfalls relativ tief liegenden elektrischen Anlage in Kauf genommen werden. Die Leistungsfähigkeit des Fahrzeuges erlitt aber dadurch keinen Abbruch. Beachtlich ist hingegen, daß dieser gewichtsmäßig an der Grenze der Belastbarkeit gefahrene Kombi ohne Brüche des Fahrgestells durchkam und daß der nicht nur thermisch weit überlastete, sondern noch zusätzlich durch Eindringen von Staub schwerstens beanspruchte Zweitaktmotor die ganze Expedition über durchhielt.

 

Eine Überprüfung des Fahrzeuges nach Beendigung der Expedition in Wien brachte geradezu erstaunliche Ergebnisse. Fahrgestell und Kraftübertragung sind ebenso in Ordnung wie die Lenkung, wenn diese natürlich auch mehr Spiel aufweist als unter normalen Umständen. Dies war auch der Grund dafür, daß bei einer kurzen Testierung auf der Wientalstraße das Fahrzeug bei voller Belastung noch an die 100 km h läuft. Trotz schlechtester Pflege, ungenügender Schmierung des Fahrgestells und Verwendung schlechtesten und verunreinigten Kraftstoffes hielt das Fahrzeug allen Beanspruchungen stand.

 


Titelbild: Der IFA F9 Kombi wurde von den Eingeborenen in Afrika redlich bestaunt und bewundert.

 

Bild unten: Solche relativ guten „Straßen", wo trotzdem immer eine Brückenerkundung notwendig war, hatten auf der Expedition Seltenheitswert.