Die Privaten Pistenbrenner (Signale 1974-5)

privater Gruppe-2-Wartburg

Clubfahrer auf WARTBURG 353

 

Sicher ist es für einen gar nicht geringen Teil unserer Leser in der DDR und im Ausland aufschlußreich, etwas auf ein Thema einzugehen, das sowohl direkt mit dem WARTBURG 353 verknüpft ist als auch ohnehin immer wieder starke Aufmerksamkeit erregt.

Grundlage zu dieser Betrachtung lieferten die diesjährigen Tourenwagenrennen auf dem Schleizer Dreieck, das sich bei vorbildlich weiter perfektioniertem Streckenzustand und internationaler Besetzung sowie mit der außergewöhnlich hohen Zahl von rund 60 000 Rennbesuchern abermals als prominentester DDR-Rundkurs für Wagenrennen präsentierte.

 

Auf bestimmten Streckenabschnitten werden Spitzengeschwindigkeiten von 185 km/h erreicht Eisenacher Werkswagen waren nicht mit von der Partie. Bekanntlich konzentriert sich der Eisenacher WARTBURG-Einsatz im Automobilsport ausschließlich auf Rallyes. Ausschlaggebend dafür sind mehrere triftige Gründe.

 

Dabei spielt schon der kleine kadermäßige Bestand der AWE-Sportabteilung, die ja sowohl den fahrerischen Einsatz als auch zugleich die technische Herrichtung und Instandhaltung der Wettbewerbswagen zu bewerkstelligen hat, eine wichtige Rolle. Vor allem jedoch bieten sich von den Rallyes her — wie es in unserer kürzlich erschienenen SIGNALE-Sonderausgabe ausführlicher skizziert wurde — durch die dort entscheidenden und in extrem verschärftem Maße geforderten Bedingungen analog den vielfältigen Verhältnissen im Alltagsbetrieb des Fahrzeuges am treffendsten die automobilsportlichen Gelegenheiten zur offenkundigen Darlegung weitreichender Qualifikationen und zur techn. Weiterentwicklung des Serienwagens. Übrigens ist zumindest unter dem Gesichtspunkt der Leistungsdokumentation bezeichnend, daß selbst von der so sehr auf Prestige um jeden Preis erpichten westeuropäischen Automobilindustrie de facto bloß noch eine einzige Marke in der Spitzenkonkurrenz der Renntourenwagen, dies ist die Europameister-schaft, werkseitig engagiert ist und damit ver-einsamt einem diskutablen Titelgewinn zusteuert, diskutabel auch deshalb, weil jene im betreffenden Werk eingesetzten Renntourenwagen mit den in Großserie konfektionierten Serienfabrikaten gleichen Namens allenfalls nur noch in einigen Karosseriekonturen identisch sind. Doch damit gleich wieder zum Schleizer Dreieckrennen, das unstreitig einen neuen Höhepunkt im DDR-Automobilrennsport und im internationalen Wettbewerb mit befreundeten Automobilsportlern aus anderen sozialistischen Ländern darstellte.

 

Nach dem Start sticht das Feld der Renntou-renwagen durch die Buchhübelkurven Schade war freilich, um nochmal auf absolute Identität mit dem Erzeugnis „wie vom Band" zurückzukommen, auf die laut FIA-Reglement als Gruppe-A1-Automobile homologierten Fahrzeuge ohne technische Änderungen, daß das vorgesehene Rennen der Serientourenwagen kurzfristig abgesetzt wurde. Indessen muß man die Argumentation der Rennleitung vollauf akzeptieren, die sich auf ein unzureichendes Nennungsergebnis stützte und bei einem Teil der Bewerber noch nicht genügende fahrerische Fähigkeiten für den schweren Schleizer Kurs unterstellte. Nun, da haben die WARTBURG-Serientourenwagen-Clubfahrer, die hiermit ausdrücklich angesprochen werden, es selber in der Hand, schon durch stärkere Beteiligung und Qualifizierung bei anderen Rennen die Weichen zu stellen.

 

Technisch rekrutierte sich demnach das Wagenarsenal der Clubfahrer, und sie bestreiten also „privat" allein das WARTBURG-Aufgebot bei Tourenwagenrennen, aus den sogenannten Spezialtourenwagen der Gruppe A2. In dieser Kategorie sind derzeit noch vielfältige „Frisuren" zur Steigerung der Motorleistung und der Fahreigenschaften eigens für Rennaktionen erlaubt. Diese international eingeräumten und allenthalben gehandhabten Freiheiten wurden und werden von den Clubfahrern selbstverständlich je nach vorhandenen Mitteln und Möglichkeiten ebenfalls weidlich zum Präparieren ihrer WARTBURG-Renntourenwagen ausgeschöpft. Die Skala reicht dabei von der Anwendung von Spoilern als aerodynamischen Hilfsmitteln über die Bereifung mit breiten profillosen Slicks bis zum Renntrimm der 353er Motoren auf Leistungen bis an die 100 PS. Weiteres Vorankommen auf dem WARTBURG-Tuningsektor und auf fahrerischem Gebiet zeigte sich denn auch sogleich beim nationalen Meisterschaftslauf der Klasse bis 1300 cm³, der wohl am ehesten als symptomatisch angesehen werden kann. Drei 353er standen mit den besten Trainingszeiten in der ersten Startreihe, dahinter ein „privat" von L. Thomas hervorragend zurechtgemachter Skoda 120 S, weitere WARTBURG sowie WAS 2101 und Polski-Fiat. Anfangs gestaltete sich das Rennen ganz vorn zur Auseinandersetzung zwischen den WARTBURG-Piloten M. Günther, dem Sieger im DDR-Meisterschaftslauf auf dem Sachsenring, und P. Mücke. Doch Günther fiel in der vorletzten Runde aus, unangefochten errang P. Mücke auf WARTBURG 353 den Sieg mit einem Gesamtdurchschnitt von 125,83 km/h. Mücke fuhr auch die schnellste Runde dieses Rennens mit 128,79 km h. Das sind nur 1 km/h „langsamer" als der Schnitt des Siegers im vorjährigen internationalen 1600-cm³-Tourenwagenrennen und nur 3 km/h weniger als die Bestzeit, die 1962 der Südrhodesier Riley auf einem Cooper-Formelrennwagen fuhr.

 

Anders sah es indessen im Wertungslauf zum Pokal der Freundschaft und im internationalen Tourenwagenrennen aus, wo beide Male dann tschechoslowakische Fahrer, zu deren Ehrung die CSSR-Nationalhymne erklang, auf dem Siegerpodest standen. Es schmälert ganz bestimmt nicht die ausgezeichneten Leistungen unserer tschechoslowakischen Freunde, wenn zur objektiven Klärung des Bildes erwähnt wird, daß unsere Clubfahrer sich in diesen zwei Rennen für Spezialtourenwagen mit 1600 cm³ Hubraumlimit gegen die optimal getrimmten Skoda-Werkswagen mit 1298 cm³ oder Shiguli 1600 und 1600er Polski-Fiat mit Zweinockenwellen-Triebwerken von vornherein keine Siegesaussichten einräumen konnten. Dennoch, so sei aus dem offiziellen Rennpressedienst zitiert: „Unsere Wartburg-Fahrer mit ihren schwächeren Motoren hielten sich wieder ausgezeichnet." So belegte im internationalen Rennen der Tourenwagen bis 1600 cm³ K. P. Krause auf WARTBURG 353 als bester DDR-Fahrer den Platz 6, der nach Lage der Dinge ein ganz erstklassiges Ergebnis ist.

 


Titelbild: Auch im Eisenacher Motorsportclub wurde ein Gruppe-2-353 vorbereitet. Diese Aktion ist jedoch nicht identisch mit einem Werkseinsatz.

Bild 2: Nach dem Start sticht das Feld der Renntou-renwagen durch die Buchhübelkurven

Bild 3: Auf bestimmten Streckenabschnitten werden Spitzengeschwindigkeiten von 185 km/h erreicht