Chronik (Signale 1974-7)

Dixi-Tourenwagen 1910

...vom Eisenacher Automobilsport

 

Einst hieß es, der Rennwagen von heute sei der Gebrauchswagen von morgen, und bei aller gebotenen kritischen Distanzierung von derzeitig abwegigen und technisch völlig sterilen Erscheinungsformen bei Grand-Prix-Rennen oder anderweitigen Sensationsschauen mit abstrakten Rennfahrzeugen muß eingeräumt werden, daß sportliche Wettbewerbe durchaus die Automobilentwicklung gefördert haben.

Dies läßt sich aus der früheren Geschichte des Eisenacher Automobilbaues belegen.

 

Die konstruktiv interessante Steue­rung der schräghängenden Ventile im 328er Sportwagenmotor Tatsache ist, daß erst die „Wettfahrt für Wagen ohne Pferde" am 22. Juli 1894 von Paris nach Rouen das bereits acht Jahre zuvor erstmals verwirklichte Automobil aus einem bis dahin gleichsam provinziellen Schattendasein in das Blickfeld größerer Öffentlichkeit rückte. Aufsehen erregte zumal, daß jene teilnehmenden Benzinkutschen gegenüber den konkurrierenden Dampfwagen die Wettbewerbsbedingungen „ohne Gefahr, leicht handlich und mit nicht zu teuren Fahrtkosten" — treffenderweise also schon sehr sinnvolle Maßstäbe und nach wie vor hochaktuelle Gebrauchswagenkriterien — am besten erfüllten. Daher kam es zu Anfängen industrialisierter Automobilherstellung. Damals baute die 1896, zwei Jahre nach jener Wettfahrt, gegründete Fahrzeugfabrik Eisenach die ersten Wartburg-Motorwagen.

 

Rennlimousine die­ses Eisenacher Typs 328, mit dem 1940 der Gesamtsieg bei der italienischen Mille Miglia, jahrzehntelang eines der prominentesten Lang­streckenrennen, erzielt wurde.Es kann hier nicht auf den imperialistisch-kapitalistischen Charakter, Motive und Zusammenhänge dieser Unternehmensgründung eingegangen werden, auch über die Technik der ersten Eisenacher Automobile wäre in anderen Werksveröffentlichungen nachzulesen. Aber es ist gleichfalls aufschlußgebend, daß die Konstruktion des seinerzeitigen Wartburg-Motorwagens bereits die Grundlage für den um 1900 entstandenen ersten Eisenacher Rennwagen bildete. Heute würden wir das abgebildete Fahrzeug, nach modernstem Stand der Renn-technik, als Mittelmotor-Rennwagen bezeichnen. Das Triebwerk war aus zwei gekoppelten luftgekühlten Zweizylindermotoren zusammengesetzt und leistete 8 PS. 1902 siegte ein weiterer Rennwagen, zweisitzig und im Standardchassis ausgerüstet mit einem Vierzylindermotor von 22 PS Leistung, u. a. im Internationalen Automobilrennen bei Frankfurt (Main).

 

In die klassischen Rennen mit Formelrennwagen um die Großen Preise hat die Eisenacher Fabrik niemals eingegriffen, aber das schloß Teilnahme an Rennen nicht aus. Allein 1907 wurden von Rennwagen der Marke Dixi sechs Siege, sechs zweite und zwei dritte Plätze erzielt. Gleichzeitig erstrebte man auch den Nachweis der Leistungsfähigkeit mit den in Eisenach hergestellten Dixi-Gebrauchswagen bei den aufkommenden großen Tourenwagenprüfungen und Zuverlässigkeitsfahrten.

 

Dies war der 135 PS leistende Sechszylindermotor mit zwei obenliegenden Nockenwellen, drei Doppelvergasern und Doppelzündung des AWE-1,5-Liter-Rennsportwagens. Nach dem ersten Weltkrieg wurde die Beteiligung von Eisenacher Automobilen an Rennen erfolgreich fortgeführt.

Indessen setzte mit verstärkter Anwendung von Kompressormotoren im Grand-Prix-Rennsport eine erste wesentliche Entfremdung zwischen Rennwagen und Gebrauchswagen ein. Die Entwicklungswege liefen weit auseinander, da die technische Weiterentwicklung des serienmäßig produzierten Automobils zum verbreiteten Verkehrsmittel die Vervollkommnung von Gebrauchswertmerkmalen und Wirtschaftlichkeit bedingte.

 

In dieser Phase nahmen nun Eisenacher Sport-wagen eine bezeichnende Schlüsselstellung ein, voran der aus den Zweiliter-Sechszylindermodellen speziell entwickelte Typ 328, der sich in Rennen als erfolgreichster europäischer Sportwagen der Vorkriegsjahre erwies.

Der Eisenacher 328-Sportmotor gab nach dem zweiten Weltkrieg sogar mehrfach die Triebwerksbasis ab für wieder entstehende und neue Rennfahrzeuge, auch in Westdeutschland und Großbritannien, so daß dieser Eisenacher Konstruktion erhebliche Impulse zur damaligen technischen Wiederbelebung des Automobilrennsports überhaupt zuzuschreiben sind.

 

Bei Starts bis 1956 gehörten diese Eisenacher Rennfahrzeuge zu den europäischen Pisten-Favoriten.Der VEB Automobilwerk Eisenach setzte dann selber völlige Neuentwicklungen in der Kategorie der Rennsportwagen ein. Den Abschluß dieses attraktiven, durch aufsehenerregende Rennsiege markierten Engagements bildete der 135 PS leistende AWE-1,5-Liter-Renisportwagen, der auf bekannten Rennstrecken Europas als stärkste Konkurrenz bewertet wurde und in seiner Klasse zu den schnellsten Wagen der Welt zählte.

Als sich um die Mitte der fünfziger Jahre eine abermalige Eskalation des Automobilrennsports abzuzeichnen begann — heute manifestiert durch absolute Isolierung von jeglicher Serienwagenentwicklung und zumindest in der Formel 1 durch keinerlei Beteiligung mehr seitens der Automobilindustrie — verzichtete das Werk ab 1957 auf weitere Starts mit Rennfahrzeugen.

 

 

 


Titelbild: Fotografiert wurde ein Dixi-Touren­wagen während eines Wettbewerbs im Jahre 1910.

Bild 2: Die konstruktiv interessante Steue­rung der schräghängenden Ventile im 328er Sportwagenmotor

Bild 3: Rennlimousine die­ses Eisenacher Typs 328, mit dem 1940 der Gesamtsieg bei der italienischen Mille Miglia, jahrzehntelang eines der prominentesten Lang­streckenrennen, erzielt wurde.

Bild 4: Dies war der 135 PS leistende Sechszylindermotor mit zwei obenliegenden Nockenwellen, drei Doppelvergasern und Doppelzündung des AWE-1,5-Liter-Rennsportwagens.

Bild 6: Bei Starts bis 1956 gehörten diese Eisenacher Rennfahrzeuge zu den europäischen Pisten-Favoriten.