Rallye-Realitäten (Signale 1974-7)

So ein Reifenequipment nutzt die AWE-Werks-Equipe nicht

...von heute

 

Die vorstehende Tabellenübersicht auf den gesamten Eisenacher Sporteinsatz während der vergangenen 20 Jahre läßt dauernde Erfolgsanstiege seit Beteiligung mit dem WARTBURG 353 erkennen, besonders ab 1971.

Rallye Monte Carlo 1972 Daraus aber nun Schlußfolgerungen dahingehend zu ziehen, daß vielleicht Gegnerschaft oder Wettbewerbsbedingungen wohl relativ „zahmer" geworden seien, wäre völlig unzutreffend. Ganz das Gegenteil ist der Fall. Zur Darstellung der Gegenwartssituation im Rallyesport bedarf es jedoch keiner Dramatisierung, und vielleicht reicht zu Einsichten eine knappe Skizze.

Selbstverständlich waren schon die Rallyes in den fünfziger Jahren keine Spazierfahrten. Inzwischen sind jedoch auf breitester Front immense Verschärfungen eingetreten, die sogar die Grenze zum Extremen hin überschritten haben.

Erstens haftet Rallyes kaum noch der Charakter früherer Sternfahrten an. Auch die Bedeutung reinen Langstreckenwettbewerbs ist zu-rückgegangen, Freilich beinhalten die großen Rallyes weiter vierstellige Kilometerdistanzen mit vorgeschriebenen, auf die Minute genau einzuhaltenden Sollzeiten, aber neben diesen Teilkriterien der Zuverlässigkeit, die heute für ein Automobil selbstverständlich sind, werden heutzutage die Entscheidungen weitgehend abseits des normalen Straßenverkehrs in einer Vielzahl von Spezialprüfungen mit Bestzeitwertung gefällt. Zum Beispiel die ca. 2000 Meilen lange RAC-Rallye Großbritannien 1973 enthielt 72 Höchsttempo-Sonderprüfungen auf ausschließlich Wald-, Morast- und Schotterstrecken. Die resultierenden Materialbeanspruchungen haben erschreckende Härtegrade angenommen, die Ausfallquoten betragen durchschnittlich 70 bis 80 Prozent. Bei der Rajd Polski 1973, wo der WARTBURG 353 den 2. Platz im Gesamtklassement belegte, erreichten von 67 gestarteten Equipen nur drei das Ziel, bei der letztjährigen Internationalen Rallye Wartburg von 122 nur 20. Dazu vergleichsweise gleich noch eine statistische Angabe: Bei 1973 insgesamt 41 Einsätzen WARTBURG 353 in 12 derartigen Rallyes gab es nur 13 Fahrzeugausfälle, das sind nicht mal 25 Prozent.

Park Ferme einer internationalen RallyeZweiter Fakt ist, daß mittlerweile der Kurswert des Rallyeeinsatzes, zumal des erfolgreichen, hinsichtlich Fabrikatprestige und Markenimage auch von anderen europäischen und von Übersee her kontinentale Exportmärkte anvisierenden Automobilwerken erkannt wurde. Hier läßt sich ohne weiteres eine Parallele zu früheren Grand-Prix-Rennen ziehen, deren Rolle nun die Rallyes eingenommen haben. Demgemäß sehen auch Status und Titulierung aus. Große internationale Rallyes zählen als Wertungsläufe zur Rallye-Markenweltmeisterschaft und zur Rallye-Europameisterschaft der Fahrer. Allein acht der 1973 auf WARTBURG 353 bestrittenen Rallyes hatten den eilen oder anderen Rang solcher Prominenz.

RAC-Rallye in GroßbritannienAus der erlangten Rolle des von namhaften Werken betriebenen Rallyesports leitet sich, drittens und dies keineswegs zuletzt, das enorm aufgestockte Konkurrenzaufgebot ab. In seiner strategisch offensiven Eskalation übertrifft das teils schon weit den Umfang, Aufwand und die Mittel bei einstigen Grand-Prix-Rennen. Dergleichen beginnt bei hochdotierten Exklusivverträgen mit professionellen Star-Piloten und wird fortgesetzt beim Serviceeinsatz, der beispielsweise zur Rajd Polski für drei Werkswagen einer italienischen Marke nicht weniger als 42 Servicefahrzeuge umfaßte. Schließlich aber wird die Forcierung am eigens aufgebotenen Rallyewagen-Arsenal der Konkurrenz offensichtlich. Da bei den großen internationalen Rallyes durch die seit Jahren bestehende Scratch-Wertung im Gesamtklassement keine Differenzierung nach Gruppenzugehörigkeit oder Hubraumklasse der teilnehmenden Wagen stattfindet, operieren verschiedene andere Automobilwerke in der Konzentration auf Prestigeerfolge häufig mit aggressivster Wettbewerbs-Technik. Dies geschieht zugespitzt in der Gruppe 4 mit GT-Fahrzeugen, die teils speziell nur für Wettbewerbszwecke in einer extra aufgelegten Herstellungsmenge von bloß 500 Stück angefertigt sind. Dazu und gesondert werden noch 100-Stück-Homologierungen vorgenommen, etwa für Spezial-Zylinderköpfe mit vier Ventilen pro Zylinder, für zwei obenliegende Nockenwellen anstatt einer seitlichen und für andere Elemente der Leistungssteigerung mehr. So fuhren tatsächlich in den 73er Rallyes Konkurrenzfahrzeuge mit Motorleistungen bis zu 300 PS, beispielsweise der Siegerwagen der Rallye-Markenweltmeisterschaft war ein ganz einsam hochgezüchteter, superleichter und nur zweisitziger Spezial-Grand-Tourisme-Wagen, Um so eindrucksvoller werden angesichts solcher Sachverhalte die gerade letzthin auf WARTBURG 353 aus der Serienproduktion erzielten Wettbewerbserfolge.

 


Titelbild: Die Fotooptik erfaßte als Beispiel allein das Serviceaufgebot an diversen Reifengarnituren für nur einen einzigen Wettbewerbswagen aus der Konkurrenz vor dem Start.

Bild 2: Einige Abbildungen mögen die Situation noch etwas illustrieren. Die Rallye Monte Carlo, wo eine WARTBURG-Werksequipe bei der 72er Veranstaltung in einer der Sonderprüfungen fährt, ist seit Jahren prominentester Prestige-Wettbewerb.

Bild 3: Was sich jetzt an Wagen zu einer internationalen Rallye im Parc ferme versammelt, zählt unbedingt zu den renommierten Fabrikmarken.

Bild 4: Ein Gruppe-2-WARTBURG 353 bei einer der zahlreichen Sprintprüfungen während der RAC-Rallye Großbritannien, die zu den schwersten westeuropäischen Veranstaltungen gehört.