Liebe auf den ersten Blick (Signale 45-66)

Melkus-Sportwagen unter sich (Foto: Michael Bluhm)

Für Spitzensportler am Lenkrad gibt es jetzt ein Auto nach Maß

Als ich die Gelegenheit bekam, dieses Auto einmal gründlich unter die Lupe nehmen zu können, war ich natürlich hocherfreut, und ich kann sagen, dass mir der Abschied von diesem Wagen äußerst schwerfiel.

Mancher braucht längere Zeit, um mit einem neuen Fahrzeug Kontakt zu bekommen. Ich neige gewöhnlich auch dazu.

„Hier sind Schlüssel und Papiere, da liegen die Gänge eins bis fünf, und hierhinein gehört das Benzin.“ Mit etwa diesen Worten übergab mir Heinz Melkus seinen Wagen.

Der Schmetterling hob einladend einen Flügel, und ich mogelte mich irgendwie etwa fünfzehn Zentimeter über dem Erdboden hinein, fädelte die Beine ein und stellte erfreut fest, dass ein Zurechtrutschen weder möglich noch notwendig war. Der Schalensitz gestattete nur eine einzige, jedoch einstellbare Sitzposition, in der man sich wie in einem orthopädischen Bett vorkommt. Man kann nur bewegen, was zum Fahren erforderlich ist. Die Füße können den Pedalbereich bestreichen, sie müssen sich aber tatsächlich mit diesem Platz begnügen, denn anderswo bringt man sie nicht unter.

RW 33-01 wohnt heute im RuhrgebietNur in der durch den Sitz vorgeschriebenen  Position hat auch der Kopf keine Dachberührung. Doch man fühlt sich in dieser Lage pudelwohl und recht geborgen. Alles ist ausgesprochen funktionell aufgebaut, kein Platz für Blumenvasen und Heckfensterlöwen. Die Arme erreichen ausgestreckt bequem das kleine Lenkrad. Nur diese ausgestreckte Haltung ermöglicht die volle Bewegungsfreiheit der Arme. Der Bauch ist beim Lenken nicht im Wege.

Meine Linke zieht die Schmetterlingsflügeltür zu, und ich bin mit dem Auto ganz allein. Wir reden noch nicht miteinander, das Auto und ich.

Der Schlüssel dreht sich im Schloß, und hinter mir lässt sich ein ungeduldiges und provozierendes, heiseres Knurren hören. „Immer noch Mut ?“ fragt das Auto. „Und ob, du wirst schon sehen !“ lüge ich mich über meine leise Beklemmung hinweg. 70 PS für nur 800 Kilogramm Auto sind eine ganze Menge.

Während der rechte Fuß das Gaspedal bedient, schnellt der Zeiger des Drehzahlmessers bis an die 5000 U/min-Marke. Der Zeiger des Tachometers lehnt gelangweilt in der linken Ecke.

„Nur Mut“, rede ich mir zu, drücke den linken Fuß auf die Kupplung und lege den ersten Gang ein. Ich komme mir vor wie ein Kosmonaut vor dem count down. Der rechte Fuß wehrt sich gegen die Rückholfeder des Gaspedals, der linke kommt langsam zurück und die rechte Hand eben zurecht, den zweiten Gang einzulegen.

Weniger Zeit, als für einen Atemzug notwendig ist, reicht aus, daß der Zeiger des Tachometers von der 30 auf die 70 springt. Der dritte Gang schafft ihn gleich schnell bis an die 100, und der vierte und fünfte … Halt, auf der Autobahn sind nur hundert erlaubt !

„Wollen wir nicht du zueinander sagen ?“ frage ich das Auto. Gewohnheitsmäßig kontrolliert das Auge die Geschwindigkeit durch einen Blick auf die Fahrbahn. Gute 80 km/h, stellt die „Gehirnwindung für Fahrgeschwindigkeit“ routinemäßig fest. Zufällig streift der Blick den Tacho. Wie bitte ? Einhundertvierzig ? Schnell den Fuß vom Gaspedal.

„Traust mir wohl nicht über den Weg ?“ murrt das Auto beleidigt. Doch die Vernunft siegt. Ich steige in die Bremsen. „Iiiiiüüüüüuuuuuuuumt!“ macht es, und lammfromm steht das Auto schon weit vor dem Parkplatz.

Ein Trabant fährt knapp vor uns vom Parkplatz, und das zweite Auspuffwölkchen verrät, dass er gerade um den dritten Gang gebeten worden ist. Als er in den vierten Gang gehen will, haben wir, der RS1000 und ich, ihn überholt. Im zweiten. Es macht uns immer mehr Spaß, aus gleicher Geschwindigkeit heraus hinter einen Vordermann vorbeizuschießen. Ebenso bereitet es Freude, sein eigenes Schätzungsvermögen einer Prüfung zu unterziehen. Wieviel Weg wird benötigt, um an einem Vordermann vorbeizukommen ? Wo muß man mit dem Ausscheren beginnen ? Ich bin in Wahrheit immer noch viel schneller an meinem Vordermann vorübergezogen, als ich vermutet habe, und das wiederum führt dazu , dass ich mich nicht etwa mit einem gemütlich gefahrenen Trabant auf die linke Seite „hinübertreiben lassen kann“, sondern dass ich ganz bewusst eine Kurve fahren muß, um auf die andere Fahrbahnseite zu kommen. Oder ich muß bereits sehr zeitig mit dem Ausscheren beginnen.

An den Ästen der Bäume lese ich ab, wann gelegentlich eine Lenkkorrektur notwendig ist. Der Wind bläst von der Seite, mal mehr, mal weniger. Fast unbemerkt korrigiere ich das mit kleinen Bewegungen. Der Wind scheint böse auf uns zu sein, weil wir so schnell sind, und zerrt an uns herum. Umsonst, wir bleiben stets „sauber in der Spur und verlachen den Wind, der uns mit unseren nur 107 cm Höhe und unserer aalglatten und wirklich windschlüpfigen Form nichts anhaben kann.

Über 200 km Autobahn liegen hinter dem Auto und mir, als wir uns so gut angefreundet haben, dass wir mehr voneinander wissen wollen. Die bergigen und kurvenreichen Straßen des Harzes sind dazu wie geschaffen. Rechts, links, rechts und wieder links, so ziehen wir um die Kurven und freuen uns beide, weil es so gut geht und weil sich keiner über den anderen zu beklagen hat.

Wir genießen die Fahrt so recht. Ich sitze wie angegossen, muß mich nicht krampfhaft an der Lenksäule festhalten. Die Gürtelreifen erlauben volles Ausnützen von Bremsen und Beschleunigung auf der trockenen Asphaltstraße, und ehe wir uns versehen, sind wir mitten im Harz. Immer neue und immer schönere Kurven nehmen wir, schnell, doch niemals auch nur mit einer Andeutung von Unsicherheit. Ich habe fast das gleiche Gefühl wie auf einem guten Gespann : Die Vorderräder werden direkt und fast ohne Umwege vom Lenkrad erreicht. Ich habe die Vorderräder sozusagen „in der Hand“. Nicht einen Zentimeter fährt das Auto anders, als ich es will. Ob es über Schienen oder längslaufende Absätze in sehr spitzem Winkel geht, immer bleibt der Wagen sauber in der Spur.

Doch nun  von der Schwärmerei zurück zu den nüchternen Tatsachen.

Der Rahmen des RS1000 ist der des Wartburg 353, allerdings sehr klug ausgesteift und damit äußerst verwindungsfest. Bremsen, Lenkung, Räder, Dämpfer sind gleichfalls vom 353, allerdings sind die Dämpfer völlig anders eingestellt, was durch die geringe Masse - leer und erst recht besetzt - bedingt ist. Während der Wartburg 353 außer fünf Personen noch Gepäck zuladen darf, ist der RS1000 mit zwei Personen völlig ausgefüllt. Dieses Verhältnis von Leermasse zu Gesamtmasse von 1 : 1,25 gegenüber dem Wartburg 353 von 1 : 1,45 macht natürlich eine optimale Dämpfer-Feder-Abstimmung leichter.

Nimmt man, und das ist realer, die Mindestmasse des fahrbereiten Wagens, also besetzt mit nur dem Fahrer, und setzt sie ins Verhältnis zum zulässig vollbeladenen Fahrzeug, dann sieht die Sache noch günstiger aus. 1 : 1,13 beim RS1000 gegenüber 1 : 1,33 beim 353. Freilich, der 353 ist ein Zweckauto, während der RS1000 kein „vernünftiges“ Auto ist, sondern ein ausgesprochener Sportwagen.

Im gesamten kapitalistischen Ausland steht der „Sportwagen-Boom“ in höchster Blüte. Große Firmen bauen auf unveränderte Fahrgestelle der Serie mit teilweise ganz reinen und braven Serienmotoren Karossen, die aus dem biederen Drunter äußerlich einen Sportwagen machen. Mit den an einen wirklichen Sportwagen zu stellenden Forderungen nehmen sie es jedoch nicht so genau.

Der Melkus RS1000 ist da völlig anders. Zwar sind auch hier weitgehend Serienteile verwendet, aber doch so einschneidend modifiziert, daß sie den höheren Anforderungen vollauf gerecht werden. Es gibt an den entscheidenden Punkten dieses Fahrzeug keine Halbheiten. Während z.B. der Simca-Rallye 1970 mit seinem 1000er Motor lediglich die serienmäßigen 52 PS leistet, hat der RS1000 72 PS an die Räder zu bringen. Allein der Abstimmung der Federung und Dämpfung ist eine Bedeutung beigemessen worden, die man beim Fahren auf jedem Kilometer, bei jeder Kurve und bei jeder Bodenunebenheit immer wieder spürt. 

Der Motor liegt hinter dem Fahrer, das Getriebe über der Hinterachse. Der Schwerpunkt des Wagens liegt nur knapp hinter der Wagenmitte. Einmal damit und zum anderen mit dem noch spürbaren Eigenlenkverhalten der Hinterachse ist der leichte - für einen zum Renneinsatz tauglichen Wagen erforderliche - Übersteuerungstendenz zu erklären. Mit leichter Beschleunigung in der Kurve ist das Verhalten neutral, um bei starker Beschleunigung, beim Beginn des schmalen Bereiches der Powerslide-Verhältnisse, übersteuernd zu werden. Noch niemals vorher habe ich diese kontinuierlich ineinander übergehenden Fahrzustände so klar und prägnant einzeln erfühlen, erleben können. Beim RS1000 habe ich stets das Gefühl für den Wagen, seine Möglichkeiten und Grenzen, die weit über denen eines herkömmlichen Serienwagens liegen, behalten.

Darin liegt wohl die hauptsächliche Bedeutung dieses nur in handwerklich möglichen Stückzahlen gebauten echten Sportwagens : Er lässt vermuten, wie sich die Serienwagen in vielleicht 10 oder mehr Jahren einmal verhalten können und werden, ja sogar müssen.

An die Reiseschnitte, die mit diesem Wagen auch auf kurvenreichen Landstraßen zu erzielen sind, darf man in einem normalen Serienwagen nicht denken. Das kommt weit weniger durch die zwar theoretisch erreichbare, aber nie auf der Landstraße ausnutzbare Höchstgeschwindigkeit, sondern vielmehr von der faszinierenden Beschleunigung. Diese wiederum ist das Ergebnis des Leistungsgewichtes von rund 12,5 kg/PS des mit einer Person besetzten Fahrzeugs.

Während man beim Trabant oder Wartburg die weggebremsten km/h nur verhältnismäßig mühsam wieder erreicht, ist man im RS1000 im Nu wieder auf der vorherigen Geschwindigkeit. Dieser „alte Hut“ ist das ganze Geheimnis der hohen Reiseschnitte, natürlich im Zusammenhang mit der ausgezeichneten Straßenlage, die gefahrlos weit höhere Kurvengeschwindigkeiten zuläßt.

Die Eigenmasse des Fahrzeugs scheint mit 800 kp reichlich zu sein, obwohl die vordere als auch die hintere Karosse aus Polyester sind. Nur das Mittelteil mit den Türen ist aus Blech. Doch die Kilos sind nicht nutzlos vertan. Sie sind überall dort untergebracht, wo es die Festigkeit oder die Straßenlage erfordern.

Damit sollen die Eindrücke und Skizzen vom RS1000 beendet werden. Bin ich zu beneiden, dass ich diesen Wagen nach Herzenslust fahren durfte? Ich glaube wohl. Aber auch zu bedauern, denn ich kann ihn ja nicht behalten. Behalten werde ich jedoch den Eindruck, den dieser Wagen bei mir hinterlassen hat.

 

 

Lothar Wonneberger

eingesandt  von Michael Bluhm

Fotos: Archiv Michael Bluhm