Der Tod aus der Zapfpistole (Signale 46-67)

Ein Wartburg 311 wird "gefüttert"

Der neue Kraftstoff an europäischen Tankstellen verunsichert die Verbraucher

Umweltschutz ist in aller Munde. Immer und überall.

Umweltschutz ist wichtig und kann gar nicht häufig genug in das Bewusstsein aller Menschen gerückt werden.

Gerade Fahrer von Kraftfahrzeugen belasten in jeder Minute, die der Motor läuft, mit Wartung und Pflege - ja allein durch die Existenz ihres Kfz - die Umwelt in besonderem Maße.

Vor dem Hintergrund immer sparsamer und sauberer Fahrzeuge sehen sich Oldtimerfahrer häufig mit dem Vorwurf der Umweltschädigung durch ihren „Stinker“ konfrontiert.

Zu diesem Thema sei auf die Untersuchung der „Oldtimer-Markt“- Redaktion verwiesen, die als Antwort auf die aggressive Werbung von Citroen und Fiat den Kraftstoffverbrauch aktueller Fahrzeuge mit dem der klassischen Vorgänger verglichen hat.

„Fazit: kein Fahrzeug der neuen Generation konnte in dieser Kategorie das alte Modell unterbieten.“ (Peter Steinfurth, „Oldtimer-Markt“, im Sitzungsprotokoll des Parlamentskreises Automobiles Kulturgut vom 16.06.2010)

Welche Blüten die Diskussion um Auto und Naturschutz noch so treiben kann zeigt die Debatte über die Einführung des neuen Kraftstoffs „Super 95—E10“.

Durch eine weiter erhöhte Beimischung von Äthanol zum Kraftstoff soll sich der Ausstoß des klimaschädlichen CO2 im Abgas deutlich reduzieren.

Wer die Diskussionen der letzten Wochen zu diesem Thema verfolgt hat wird wissen, dass dieser erwartete Effekt ebenso strittig ist, wie die technischen Auswirkungen der Beimischung auf das Fahrzeug insgesamt.

Außerdem ist der Ökologische Effekt der Maßnahme in höchstem Maße fragwürdig, denn die Pflanzen, welche zu Äthanol verarbeitet werden, müssen irgendwo auf der Welt angebaut werden. Irgendwo heißt nicht in Deutschland. Angebaut heißt, es werden wahrscheinlich Anbauflächen zur Lebensmittelerzeugung umgewandelt zu Anbauflächen zur Kraftstofferzeugung. Könnte bedeuten, dass der Regenwald beispielsweise weiter abgeholzt werden wird, um eben jene zusätzliche Flächen zu generieren, oder aber die Kraftstofferzeugung in Konkurrenz zur Lebensmittelerzeugung stehen wird.

Darüber werden sich aber leider nur sehr wenige Menschen hierzulande Gedanken machen. Immerhin sind die Regale in den Supermärkten voll mit Lebensmitteln…

Ein anderer Aspekt jedoch bringt auch diese Menschen in Erregung: Verträgt mein Auto den neuen Kraftstoff überhaupt?

Laut einer Veröffentlichung von Aral vertragen mindestens 90% der Fahrzeuge auf deutschen Straßen den neuen E10-Kraftstoff. Die Tageszeitung „Die Welt“ nennt sogar 93%.

BMW und Daimler lehnen sich noch weiter aus dem Fenster. Sie behaupten „In allen BMW-Pkw Modellen sämtlicher Baujahre ist der unbedenkliche Einsatz von E10-Kraftstoffen möglich.“ Daimler verkündet: „95 Prozent der Daimler-Autos, die jünger als 25 Jahre sind, schaffen es locker, mit dem E-10-Benzin klarzukommen.“

Warum dann die Aufregung? Warum das Misstrauen der Kraftfahrer? Warum tankt kaum jemand diesen neuen Sprit?

Die Antwort auf diese Fragen ist nicht ganz leicht. Neben einem höchst ungeschickten Marketing durch die verantwortlichen Stellen der bundesdeutschen Politik spielen auch zahlreiche Horrormeldungen eine nicht ganz unerhebliche Rolle.

1. Das im E10 enthaltene Äthanol greift Gummi– und Metallkomponenten in Motor und Kraftstoffsystem an.

2. E10-Kraftstoff hat weniger Leistung.

3. Der Verbrauch steigt.

4. Äthanol erhöht den Wasseranteil im Benzin und verdünnt damit das Öl. Der Motor wird nicht mehr optimal geschmiert.

5. Äthanol ist noch leichter entzündlich und kann das Fahrzeug leicht in Brand setzen.

 

Diese Aufzählung ließe sich noch weiter fortsetzen.

Einige dieser Fragen lassen sich mit Hilfe der Veröffentlichungen der Bundesregierung, der Mineralölkonzerne und der Autohersteller beantworten.

Aral hat einen Katalog von sieben Fragen und Antworten veröffentlicht, den wir in dieser Ausgabe unseren Lesern zur Verfügung stellen.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Bedenken der Bevölkerung durchaus berechtigt sind. Die Antworten auf die kritischsten Punkte fallen verdächtig vage aus und die Freigaben durch die Autohersteller haben nur bedingte oder gar keine rechtliche Relevanz, wenn es doch Probleme geben sollte und Schadenersatz gefordert werden würde.

Äthanol gilt durchaus als besonders aggressiv gegenüber Metallteilen, vor allem Alu und gegenüber Gummi.

Es entzieht anderen Stoffen Wasser und führt so zu einer „Versprödung“. Das betrifft sogar sehr neue Fahrzeuge wie den VW Polo oder den Toyota Avensis.

Äthanol einen geringeren Energiegehalt als herkömmliche Kraftstoffe.

E10-Kraftstoff kann einen um bis zu zwei Prozent höheren Kraftstoffverbrauch (im Vergleich zu E5-Kraftstoffen) bedingen. Der ADAC vergleicht den Verbrauch von E10 mit Super-Plus und attestiert einen 3%igen Mehrverbrauch.

Würden alle Besitzer E10-tauglicher Modelle den neuen Biosprit tanken, stiege der tägliche Benzinverbrauch in Deutschland um rund eine Million Liter. Davon profitierte freilich nicht nur die Ölbranche, sondern auch der Fiskus: Er könnte sich über Mehreinnahmen bei der Mineralölsteuer von etwa 650.000 Euro freuen – pro Tag.

Kondenswasser aus den Verbrennungsgasen kann ins Motorenöl gelangen und es somit verdünnen. Eine optimale Schmierung des Motors könnte dadurch nicht gewährleistet sein.

Erst jetzt haben Daimler und BMW angekündigt, diesen Umstand näher zu untersuchen.

Auslaufender Kraftstoff kann bei Kontakt mit heißen Bauteilen (Turbolader, Katalysator etc.) entzünden. Inwieweit das Risiko mit E10 aber signifikant höher ist, als mit klassischen Kraftstoffen ist in diesem Zusammenhang jedoch eher eine Frage von untergeordneter Bedeutung.

Doch wer im Alltag zum Beispiel einen Kraftwagen mit moderner Benzindirekteinspritzung fährt, sollte doch noch nicht aufatmen. Hier besteht die Gefahr, dass das Äthanol die Aluminium-Kraftstoffleitungen zerfrisst und daher Kraftstoff austreten und bei Kontakt mit heißen Motorkomponenten das gesamte Fahrzeug in Brand setzt.

Eine Beruhigung für jeden Fahrer eines Audi A3/A4 FSI, eines Opel Zafira 2.2 Direct, eines Mercedes CLK/C 200 CGI oder eines VW Golf FSI. Diese, durchaus nicht zu seltenen Fahrzeugtypen, werden vom ADAC in diesem Zusammenhang ausdrücklich erwähnt.

Warum treten diese Probleme nur bei Benzin auf und nicht bei Diesel?

Die Antwort auf diese Frage ist verblüffend einfach. Durch die Beimischung von Fettsäure aus Rapsöl und Methanol bilden sich Säuren im Motorenöl, die eindicken und den Motor regelrecht verstopfen.

Da vor dem Hintergrund dieser negativen Erfahrungen der Bio-Anteil im Diesel nicht weiter erhöht werden konnte, musste der Anteil im Benzin überproportional steigen. Nur so konnte die angestrebte Bilanz aller Kraftstoffsorten erreicht werden.

Welche Untersuchen hinsichtlich der Verträglichkeit von Kraftstoffen liegen bei den Mineralölfirmen vor?

Keine. „Wir beschäftigen uns nicht mit technischen Fragen“ So eine Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes.

Warum wird dennoch an den umstrittenen Kraftstoffsorten festgehalten?

Die Bundesregierung hat die Erhebung von Strafgeldern beschlossen, sollte die Mineralölwirtschaft die geforderten Quoten nicht erreichen.

Nun hat das wiederum zwei sichtbare Effekte. Erstens wird E10 mit großem Druck und niedrigen Preisen in den Markt „geschoben“. Zweitens werden die erwarteten Strafgelder plus erwartete Mindergewinne infolge der E10-Preispolitik auf die bestehenden Kraftstoffsorten umgelegt. Zu Zeiten ohnehin hoher Kraftstoffpreise schon fast eine Tragödie.

Viel wichtiger ist für uns bei alldem natürlich die Frage: Dürfen klassische Fahrzeuge mit dem neuen Kraftstoff betrieben werden? Von den Herstellern der ehemaligen DDR dürfte wohl niemand eine Stellungnahme zu diesem Thema erwarten.

Aus diesem Grund haben wir den ADAC, den DEUVET, das Bundesministerium für Umwelt und Verkehr und einige Minaeralölkonzerne zu diesem Thema befragt.

Leider haben wir nur sehr wenige Antworten erhalten. Das wiederum könnte ein deutlicher Hinweis auf die Brisanz des Themas und die Unsicherheit bei den Befragten sein.

Die Antworten, die wir erhalten haben, wollen wir unseren Lesern auf keinen Fall vorenthalten.

Jedoch soviel sei hier schon verraten: Die etwas reißerische Überschrift dieses Artikels hat in Bezug auf unsere Fahrzeuge durchaus ihre Berechtigung.

Wartburg, Trabant, MZ, Simson und Co sollten den neuen Super-Kraftstoff mit 10%iger Bioäthanol-Beimischung keinesfalls tanken!

Schon eine einmalige Fehlbetankung - ohne Starten des Motors - kann bereits irreparable Schäden am Tank und den Kraftstoffzuleitungen verursachen.

Grund dafür sind die verarbeiteten Materialien. Stahltanks, Gummileitungen und Dichtungen etc..

Das bedeutet, dass die Betankung mit E10 unbedingt vermieden werden muss.

Die Gute Nachricht: In Deutschland sind die Tankstellenbetreiber verpflichtet, auf unbestimmte Zeit s.g. „Schutzsorten“ anzubieten. Schutzsorten sind Kraftstoffe mit einem Äthanolgehalt von unter 5%.

Das führt jedoch leider auch nur zu weiteren Problemen.

Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit haben sich die Mineralölkonzerne dazu entschlossen, die Anzahl unterschiedlicher Kraftstoffsorten zu reduzieren.

Normal-Benzin (91 Oktan) wird kaum noch angeboten. Wenn doch, dann zum gleichen Preis, wie Super-Benzin (95 Oktan).

Was wie reine Preispolitik klingt hat einen ernsthaften Hintergrund. Nur weil Benzin auf der Säule draufsteht, kann trotzdem Super herauskommen.

Wer denkt, das wäre doch egal, weil der Preis der gleiche ist, irrt leider abermals.

Die modernen Kraftstoffe haben per se eine deutlich höhere Klopffestigkeit, als die Kraftstoffe zu Zeiten als IFA F9 oder Barkas B1000 Neuwagen waren. Insgesamt sind die Reinheit und Qualität auch höher als vor 40 oder mehr Jahren. Allerdings haben sich auch beständig die leicht verflüchtigen Anteile im Kraftstoff erhöht. Die höhere Klopffestigkeit bedingt heißere Verbrennungen und so weiter.

Historische Kraftfahrzeuge haben also beständig größer werdende Probleme mit den aktuell angebotenen Kraftstoffen zu arbeiten, da sie für ganz andere Kraftstoffe konzipiert wurden.

Eine Untersuchung des ADAC (veröffentlicht in der ADAC-Motorwelt Februar 2011) zeigte, dass Kraftstoffsäulen an Tankstellen Super-Plus-Kraftstoff (98 Oktan und mehr) enthielten, auch wenn sie mit Super beschriftet waren.

Es bleibt abzuwarten, ob unsere klassischen Fahrzeuge mit Super-Plus ebenfalls problemlos weiterfahren können. In den Diskussionen der MZ-Szene geistern seit vielen Jahren Gerüchte umher, nach denen schon Super-Benzin den Messingschwimmer des Vergasers zerstört. Wie gut halten die - zugegebenermaßen robust konstruierten - Zweitaktmotoren der DDR die höheren Arbeitstemperaturen von Super-Plus aus?

Immerhin hat die Einführung des neuen Kraftstoffs E10 auch einen positiven Effekt: Die Mineralölkonzerne sparen sich immer öfter die Beimischnung des teuren Äthanol in die alten Spritsorten. Dort waren bislang maximal 5% erlaubt. Nach Messungen des ADAC im UJanuar und Februar diesen Jahres, ist nunmehr kaum noch Äthanol im Super und im Super-Plus enthalten.

Da Äthanol auch in kleineren Mengen bereits Probleme bei älteren Kraftfahrzeugen hervorrufen kann, ist zumindest das einmal eine gute Nachricht. Im E5 ist kein oder zumindest kaum Äthanol mehr drin.

Es bleibt allerdings abzuwarten, ob das auch so bleibt.

Umweltverbände und Wissenschaftler distanzieren sich immer deutlicher vom „Bio-Sprit“. Dem Deutschen Bundestag liegt, nach Angaben der Tageszeitung „Die Welt“ ein rund 300 Seiten dicker Arbeitsbericht als Sammlung mehrerer Expertengutachten vor. Verfasser ist das Büro für Technikfolgen-Abschätzung, welches die Abgeordneten berät.

Die Experten stellen den Nutzen des Bio-Benzins in Frage und schlagen stattdessen vor, die Biomasse zur Erzeugung von Strom und Wärme einzusetzen.

Wie dem auch sei, letztlich ist die Betankung klassischer Kraftfahrzeuge mit E10 unbedingt zu vermeiden.

 

Stephan Uske