50 Jahre Oma (Signale 57-78)

Die Oma besucht die Wartburg

Geburtstags-Laudatio für ein besonderes Auto - Teil III

Da wir nur 18 der bisher 50 Lebensjahre unseres Wartburg 311 „Oma“ kennen, lassen wir aus Anlass dieses runden Jubiläums genau diese Zeit noch einmal etwas Revue passieren.

Zu Beginn dieser Folge lassen wir Armin zu Wort kommen. Im Dezember 2000 schrieb er seine Sicht der Dinge auf und der IFA-Kurier veröffentlichte seinen Bericht: “Vor mehr als vier Jahren lernte ich einige Wartburg-Freunde aus dem Rheinland kennen. Nach den ersten Anlaufschwierigkeiten fanden wir uns zusammen, weil ich einige 311er abzugeben hatte. Es ging u.a. um einen Fahrzeugrahmen. Wir wurden uns schnell einig und ich schaffte das komplette und rollfähige Fahrgestell ins Rheinland. Das ist jetzt schon wieder über drei Jahre her. Dort sollte er neu aufgebaut werden. Es war etwa ein halbes Jahr später als ich einen Anruf bekam, der Rahmen müsste an zwei Stellen geschweißt werden. Also fuhr ich nach Bonn-Mehlem, um das Schweißgerät dort in Aktion zu bringen. Aber es sollte immerhin 9 Monate dauern, in denen ich dreimal vergeblich hinfuhr, bis die 10 Sekunden Schweißarbeit erledigt werden konnten. Der Grund: Es war keine Brandwache da, die den schiefen Schuppen vor dem Abbrennen bewahren konnte – oder sollte es doch einfach nur eine Schikane gewesen sein? Mittlerweile zogen sich so die besagten drei Jahre hin. Die Rheinländer Wartburg Freunde erwiesen sich in dieser Zeit als gute Freunde, sowie als einfallsreiche und aktive Mitglieder des EDWFC. Es wurde endlich Zeit, dass sie auch mit einem standesgemäßen Fahrzeug auf der Straße rollen konnten. Natürlich mit dem eigenen Wartburg - genannt Oma. Andere Unternehmungen mit einem aus-geliehenen 311er nach Dornburg misslangen. Also musste jetzt ein Schlachtplan ausgehandelt werden, um die Oma zu befreien. Dabei tat sich Reges in Mehlem. Es kamen, nach Absprache und zur gleichen Zeit, die Freunde Dirk, Stephan, Karl-Heinz und Norbert aus dem Rheinland, als auch Jochen und Armin aus Essen. Der Mehlemer (Luftgetrockneter) weigerte sich aber weiterhin, die Oma herauszurücken. Es öffnete sich erst ein Kläppchen an seinem „Gefängnis“. Doch Jochen überzeugte den Wärter mit tiefer Stimme, so dass sich das Tor öffnete. Nachdem Jochen sich langsam den Weg zur Zelle bahnte, kam der Tross nach. Aber plötzlich erklang der Ruf: "Armin - du nicht!". So zog ich dann ab. Am Telefon sagte man mir anschließend, dass die Oma rollbereit ist. Man bereitete sich für den nächsten Tag gegen 16:00 Uhr vor, um die Befreiung zu starten. Jochen und der Tross standen pünktlich vor geschlossenem Tor. Nach neuen Verhandlungen öffnete sich das Verlies und die Oma wurde samt allen habhaften Teilen befreit. Nun wurde sie auf den Hänger, den Jochen mitgebracht hatte, verladen und ins neue Quartier verbracht. Aller Rat war jetzt teuer: Wie kriegen wir die Oma wieder auf den rechten Weg in die Freiheit und auf die Straße? (40 Jahre Mauer waren nichts dagegen...) Hubert hatte sich mit einem weiteren Wartburg-Freund aus Potsdam in Verbindung gesetzt.  Reinhard versuchte sich freizumachen, um den „Aufbau Ost“ im Rheinland zu bewältigen. Es klappte aber nicht und Dornburg kam immer näher. Na ja, man kam auf mich, da ich gerade auch ein Wartburg Coupé aufbaute. Also ab ins Rheinland, um Teile und Oma zu sichten. Nach grobem Überblick stellte ich dann fest, dass die Oma in der Zeit von 4 Wochen zu machen sein müsste. Nun nahm ich mir die Zeit und fing mit Hilfe der Rheinländer an. Es ging ziemlich gut voran, doch dann stellten wir fest, dass Teile zerlegt und nicht mehr zu komplettieren waren. Bei ihrer Gefangennahme war die Oma komplett und auf eigener Achse unterwegs gewesen. Jetzt aber fehlten plötzlich Teile über Teile. So fing ich an, die benötigten Teile bei Freunden und Händlern zu besorgen. Der Rahmen war mit neuen Teilen schnell zusammen gebaut. Jetzt standen wir vor der Oma, die sich noch auf ihrem alten und halb zerlegten Rahmen befand. Da musste sie runter. Wir setzten sie auf Holzplanken und trennten so zu zweit die Karosse vom Chassis. Es war nur noch eine Woche Zeit bis Dornburg, aber die Bescherung kam erst jetzt. An der Oma musste eine Unterbodenreinigung vorgenommen werden. Bei dieser Reinigung kamen ca. 50 kg Dreck und andere Substanzen herunter, so dass wir aussahen wie Bergmänner untertage. Ein neues Unterkleid wurde angebracht und nun konnte die Hochzeit vollzogen werden. Dazu hatten Dirk und Stephan Rotkäppchen-Sekt organisiert. Karl-Heinz, Barbara, Norbert, Dirk, Stephan und ich vollzogen dann die Hochzeit der Oma. Drei Tage vor Dornburg ging es los zum TÜV. Die Kurzkennzeichen angebracht und ab nach Siegburg. Herr Zitzmann, ein Ingenieur aus den neuen Bundesländern, ist dort Chef des TÜV und nahm die Vollabnahme vor. Er  begutachtete alle Punkte und die Originalität der Oma und gab endlich - nach drei endlos langen Jahren Dornröschenschlaf - die Wiederkehr unseres Wartburg in das aktive Dasein bekannt. Ein schon fast verloren geglaubter Befreiungskampf und ein dramatischer Zusammenbau fanden mit der Anmeldung der Oma und ihrer darauf folgenden ersten großen Fahrt ihr glückliches Ende! Bis dahin Räng Täng Täng”.

Tatsächlich waren wir mit der technischen Restaurierung unseres Wartburg bis Juni 2000 fertig geworden.

Es hatte am Ende doch etwas länger gedauert als nur vier Wochen. Immerhin haben Armin und ich und immer wieder wechselnde Helfer das ganze Frühjahr am Wagen geschraubt.

Wir haben es, nach der spektakulären Befreiungsaktion der Oma, wieder mit einer beispiellosen Hilfsbereitschaft unter Wartburg-Freunden zu tun gehabt.

Ganz sicher wäre uns andernfalls die Freude am Hobby doch noch abhanden gekommen.

Deshalb noch einmal und nach so vielen Jahren ein großes Dankeschön an alle Helfer von Damals. Insbesondere an Jochen Graeve, der die Befreiungsaktion geleitet hat, an Armin Dohle, der den Wiederaufbau organisierte und maßgeblich umsetzte und an Jörg Siebert, der in dieser Zeit seinen Urlaub opferte um bei der Arbeit mitzuhelfen.

Tatsächlich wurde alles geschafft. Die Vorstellung beim TÜV mit Vollabnahme wurde mit Bravour bestanden und wir erhielten bei der behördlichen Anmeldung nach so vielen Jahren sogar unser altes Kennzeichen wieder zurück.

Die Fahrt nach Dornburg erfolgte im Konvoi mit anderen IFA-Fahrzeugen und war ein wirklicher Genuß.

Zwar hatte unser Wartburg bei heißem Motor hin und wieder die Tendenz zum Ruckeln und Ausgehen und ließ sich anschließend nicht mehr starten. Doch der Fahrspaß und die Freude über die Wiederauferstehung wog das alles auf.

Wir fuhren nach Dornburg und Eisenach, zu Stammtischen und wir wurden sogar vom Mitteldeutschen Rundfunk gefilmt.

So nach und nach verblassten die schlechten Erlebnisse der vorangegangenen Jahre immer weiter.

Anläßlich des Heimwehtreffens in Eisenach wurden uns von ehemaligen Wartburg-Werkern Teile geschenkt und unsere Oma wurde stets umlagert und bewundert.

Sehr oft wurden wir für die tolle Lackierung unseres Wartburg gelobt. Obwohl an dieser Lackierung so einiges nicht stimmte. Zum einen war sie tatsächlich alles andere als neu. Seit ca. 10 Jahren rollte Oma mit ihrem weißen Dach und der blauen Karosse darunter durch die Welt. Ein kritischer Blick offenbarte das Alter des Lackes und seine deutlich dürftige Qualität ganz schnell. Und letztlich war diese Farbkombination in grellem Weiß und Blau auf keinem zeitgenössischen Prospekt erschienen. Trotz allem war uns die technische Instandsetzung des Fahrzeugs wichtiger gewesen als die optische. Deshalb hatten wir den Lack und auch die Innenausstattung so gelassen, wie sie zum Zeitpunkt des Verkaufs gewesen war. Lediglich der Motorraum, der Kofferraum und das Armaturenbrett hatten wir lackiert. Sie mußten behandelt warden und wir behielten die blaue Außenfarbe auch in diesen Bereichen bei.

Die Demontage der Anhängekupplung brachte uns einen Hinweis auf die ursprüngliche Lackierung des Fahrzeugs in Grau und Elfenbein. Die Anhängezugvorrichtung (“sozialistischer Umverteilungshaken”) war laut Typenschild 1967 an die Oma montiert worden. Vermutlich trug sie zu diesem Zeitpunkt noch ihre Werkslackierung.

Es sollten noch acht Jahre vergehen, ehe wir neben der Technik auch die Optik unseres Wartburg noch einmal überarbeiteten und sie ihr heutiges Aussehen erhielt.

In dieser Zeit hatten wir nur eines mit dem Wagen: Spaß und wieder Spaß.

Wo auch immer wir hinfuhren, stets wurden wir bewundert und sogar gegen mächtige Konkurrenz setzte sich die Oma stets mit einem einfachen Trick durch: Wir öffneten die Motorhaube und machten damit jeden Bentley und Rolls fürs Publikum uninteressant.

 

/ Stephan Uske

(wird fortgesetzt)