Das Museum ( Signale 64-85)

Der Eingangsbereich des Fahrzeugmuseums Suhl

..an diesem Ende der Welt - Fahrzeugmuseum Suhl
 

In der Rubrik „Das Museum am anderen Ende der Welt“ stellen wir normalerweise interessante Museen vor, die sicherlich noch nicht Jeder besichtigen konnte. Einfach weil sie eben nicht ganz so einfach zu erreichen sind.

Dieses Mal machen wir wieder einmal eine Ausnahme. Im August 2015 besuchten wir nämlich ein ganz besonderes Museum, welches hier unbedingt erwähnt werden muss.

 

Im Jahre 1856 gründeten die Brüder Moses Simson und Löb Simson in der kleinen thüringischen Stadt Suhl ein Unternehmen, welches, wenn auch mit Unterbrechungen, weit über 100 Jahre lang ihren Namen trug.

Aus dem Hammerwerk für Holzkohlenstahl entwickelte sich nach und nach ein Hersteller für Jagd– und Kriegswaffen. Im Jahr 1896 verließen erstmals Fahrzeuge die Fabrik. Die ersten Fahrräder nach englischem Vorbild. Schon bald stieg Simson zu einem der ganz großen Drahtesel-Produzenten auf.

Noch einmal 11 Jahre später begann in Suhl die Entwicklung des ersten motorgetriebenen Fahrzeugs. 1911 konnte dann mit dem „Simson A“ der erste Pkw vorgestellt werden.

Hauptschwerpunkt blieb aber die Produktion von Waffen und Militärtechnik. Simson war einer der Profiteure des Versailler Friedensvertrag. Hatten die Siegermächte doch gerade diese Unternehmen als alleinigen Waffenlieferanten für das deutsche Heer bestimmt. Das half dem stark expandierenden Unternehmen über die sonst überall grassierende Wirtschaftsdepression der 1920er Jahre hinweg.

Ab 1924 stieg Simson in die Entwicklung und Vermarktung von Luxus-Pkw ein.

Die Nationalsozialisten versuchten der Unternehmensführung in einem spektakulären Schauprozess „Übervorteilung des Reiches“ infolge des Monopolauftrages als Waffenlieferant zu beweisen. Der Prozess scheiterte und die angeklagten, darunter Arthur Simson, mussten freigesprochen und aus dem Gefängnis entlassen werden. Doch dem Dritten reich war das „jüdische“ Unternehmen Simson ein Dorn im Auge.

Die weitere Geschichte der Familie Simson verlief dramatisch.

Bereits 1933 wurde ein „Treuhänder“ bestellt und der Familie die Kontrolle über das Werk entzogen und der Name Simson entfernt. Ein erneuter Prozess, wieder angestrengt vom Gauleiter Sauckel, befand die Simsons für schuldig. Die ihnen auferlegte Geldbuße mussten die Simsons 1935 unter Anwendung von Waffengewalt mit der Abtretung ihres Betriebes an eben jenen Gauleiter Fritz Sauckel begleichen. Sie konnten später in die USA fliehen.

1936 wurde mit der BSW98 das erste Suhler Motorzweirad vorgestellt. Mit Kriegsbeginn endete die zivile Fertigung. Es wurden nur noch Waffen gefertigt.

Nach dem Ende des Krieges wurden fast alle Produktionseinrichtungen demontiert und in die Sowjetunion geschickt.

Die verbliebenen Anlagen dienten als Grundstock einer neuen Produktion von Jagdwaffen, aber auch von Kinderwagen und Fahrrädern. Fast alle Produkte gingen als Reparationsleistungen in die Sowjetunion.

Ab 1947 gehörte das Simson-Werk, wie auch das BMW-Werk in Eisenach, zur SAG Awtowelo.

Ende 1948 erhielten die Suhler den Auftrag ein 250cm³-Motorrad zu entwickeln. Die spätere AWO 425 entstand und wurde mit ca. 210.000 Exemplaren bis 1961 gebaut. Dafür entfiel die Herstellung von Fahrrädern.

Ab 1952 wurde das AWO-Werk in den Industrieverband Fahrzeugbau der DDR (IFA) eingegliedert. Seither hieß die AWO 425 offiziell Simson 425. Ab 1955 startete bei Simson auch die Produktion von Kleinkrafträdern.

Ab 1962 überließ man in Suhl die Produktion von Motorrädern MZ und stellte die 425 ein. Fortan konzentrierte sich Simson auf die Produktion von Kleinkrafträdern und Rollern.

Nach 1990 wurde das Werk privatisiert und musste aufgrund der zusammen gebrochenen Nachfrage die meisten Mitarbeiter entlassen. Die Produktion kam am 31.12.1991 vollständig zum Erliegen.

Durch das Engagement einiger ehemaliger Mitarbeiter konnte zu Beginn des Jahres 1992 wieder eine neue Simson-Produktion gestartet werden.

Mit völlig umgestaltetem Portfolio stieg Simson in den 1990er Jahren auch wieder in die Produktion von Motorrädern ein. Die Produkte galten aber als Fehlerbehaftet und verkauften sich schlecht. 2000 ging Simson wieder in Insolvenz. Ein weiteres Mal 2002. Am 1. Februar 2003 wurde das gesamte Betriebsvermögen versteigert und die Marke Simson verschwand endgültig.

Die Markenrechte und die Zeichnungen wurden von der MZA GmbH erworben. Diese produziert aber keine Neufahrzeuge mehr, sondern liefert nur noch Ersatzteile.

Heute erinnert in Suhl noch die, aus der ehemals insolventen Suhler Fahrzeugwerk GmbH hervorgegangene TLG Gewerbepark Simson GmbH an die lange Tradition dieses Namens in Suhl. Sie verwaltet die ehemaligen Produktionsstätten des Zweiradwerkes als Gewerbeflächen.

Aber zum Glück gibt es das Fahrzeugmuseum Suhl. Das 2007 im Congress Centrum Suhl (CCS) beheimatet Museum hält die Erinnerung an die Suhler Fahrzeugproduktion wach und widmet sich auch den Eisenacher Fahrzeugen der Nachkriegszeit.

Im Suhler Museum lassen sich noch einmal die großen sportlichen Erfolge der Simson-Zweiräder nacherleben und die glanzvolle Geschichte der legendären Simson-Supra der Vorkriegs-Ära erleben.

Direkt vor dem Eingang werden die Besucher von einer Statue des berühmten Rennfahrers Paul Greifzu begrüßt. Der Suhler errang erste sportliche Meriten mit Dixi-Fahrzeugen und verunglückte bei einem Training in Dessau 1952 tödlich.

Greifzu setzte sich während des Dritten Reichs sehr für kriegsgefangene Zwangsarbeiter ein. Er gilt heute als der „Oskar Schindler von Suhl“. Hier in Suhl ist er auch beigesetzt worden.

Die Ausstellung selbst beginnt mit zwei eher ungewöhnlichen Fahrzeugen, die unter dem Markensignet Simson produziert wurden: Als so genannte „NSW Importablösung“ musste die Kettenfabrik Barchfeld, die zu Simson gehörte, den Simson ERS 10 entwickeln und bauen. Ungefähr 50 Stück dieses Elektro-Roll-Stuhls wurden produziert, danach wurde sein Nachfolger, der Simson ERS 20, bis 1989 produziert.

Die beiden ausgestellten Exponate gehören Schauspieler Manfred Krug.

Es folgen viele Motorräder aus Suhler Produktion und aus der Herstellung anderer Unternehmen.

Sehenswert ist vor allem das Display zum Simson-Motorsport und zu Eisenacher Automobilen.

Hier steht ein Wartburg 311, hergestellt im April 1955. Der Wagen hat gerade einmal 1200 km auf dem Tacho und war nie angemeldet. Unrestauriert und im Originalzustand seiner Auslieferung nach Skandinavien steht er nun hier im Museum, weil sein Käufer ihn nie beim Händler bezahlt hat und er anschließend in einer Scheune vergessen wurde.

Besonders beachtenswert sind wie immer die Exponate, die sich mit den Ingenieursleistungen der DDR-Kraftfahrzeugindustrie beschäftigen. So lassen sich auch hier in Suhl einige Prototypen und Versuchsmuster bewundern. Unter anderem eine Simson S100 mit einem Zweizylinder-Zweitakter von 1970, oder dem Simson Supra-Roller von 1969. Dieses Fahrzeug hatte, zur Hochzeit der Schwalbe, bereits wesentliche Designmerkmale der 15 Jahre später erschienenen SR50 Roller vorweg genommen. Außerdem verfügte er über ein Automatikgetriebe. Auch der Simson Roller KR52 Prototyp kann hier bewundert werden. Ein Fahrzeug, das den hohen Standardisierungsgrad der Simson Vogelserie auch in die Baureihe Simson S50/51 übertragen sollte: Viele Gleichteile und doch ein typischer Roller. Später wurde die Modellbezeichnung von KR 52 in SR50/80 geändert.

Im Museum gibt es einen Vorführraum für Filme und viele weitere interessante Exponate, für die sich der Besucher Ruhe und Zeit mitbringen sollte. Es lohnt sich auf jeden Fall.

 

Fahrzeugmuseum Suhl

Friedrich-König-Straße 7

D-98527 Suhl

 

Öffnungszeiten:

täglich 10 - 18 Uhr

24.12. und 31.12. 10 - 14 Uhr

(Einlass endet 45 min vor Schließung)

 

Eintrittspreise

Einzelkarte: 6,- €

ermäßigte Einzelkarte: 5,- €

Familienkarte: 12,- €

Kombikarte mit Waffenmuseum: 10,- €

ermäßigte Kombikarte: 8,- €

 

/ Stephan Uske