Rekord! (Signale 64-85)

Blick auf den gefüllten Festplatz Spicke in Eisenach

Ca. 500 DDR-Kraftfahrzeuge hatten „Heimweh“

Unser Wochenende begann bereits am Donnerstag. Wegen der hohen Temperaturen stiegen wir bereits ganz früh ins Auto und fuhren los. Unser Ziel hieß Eisenach und „Heimweh“.

Mit Rücksicht auf die Kinder sollte es aber kein ausschließliches Oldtimer-Wochenende werden. Es gibt in und um Eisenach so viel zu entdecken, dass auch ein verlängertes Wochenende keinesfalls mehr als nur ein vorsichtiges „reinschnuppern“ erlaubt.

Gemeinsam mit Ellen, Charlotte und Ansgar hatten wir uns eine Ferienwohnung in Eisenach gemietet. Dort wollten wir uns am Nachmittag treffen und dann gemeinsam das weitere Wochenende planen.

Vorher jedoch nahmen wir einen Umweg, der uns - ganz zur Freude unserer Kinder - an Europas drittgrößtem Flughafen in Frankfurt  vorbeiführte.

Diese, deutlich längere Südroute nach Thüringen wählten wir, weil ich schon seit vielen Jahren einen Besuch im Fahrzeugmuseum Suhl auf meinem privaten Wunschzettel führe.

Suhl liegt irgendwie nie so richtig auf dem Weg eines unserer Ziele. Deshalb wurde genau das Wochenende zum Datum, an dem eben dieser Wunsch in Erfüllung gehen sollte. Über das Museum wird ganz sicher noch gesondert zu berichten sein. Nur so viel schon einmal an dieser Stelle: Der Umweg lohnte auf jeden Fall!

Für die restliche Strecke von Suhl nach Eisenach wählten wir die Landstraße aus. Die Gegend ist so wunderschön, dass man sich dafür einfach mal etwas mehr Zeit nehmen muss.

Hinter Meiningen fanden wir eine in höchstem Maße skurrile Imbissbude, die mit großem Aufwand eingerichtet wurde und in der wir jeder eine hervorragende Thüringer Rostbratwurst genossen.

In Eisenach landeten wir fast zeitgleich mit Familie Glahse. Die Ferienwohnung erfüllte unsere Erwartungen voll und ganz.

Ein erster Rundgang durch die Stadt führte an einem Metzger vorbei—und bescherte uns ein paar rohe Thüringer. Immerhin wollten wir den ersten Abend mit einem Grillfest begehen. Für jeden von uns die zweite Wurst an diesem Tag. Doch keiner beschwerte sich, denn auch diese selbst gegrillten Spezialitäten mundeten hervorragend.

Am nächsten Morgen kannte unsere Abenteuerlust kaum Grenzen und so marschierten wir direkt von unserer Wohnung hinauf zur Namensgeberin unserer Autos - der Wartburg.

Gerade einmal 25 Minuten brauchten wir für den Weg, der uns zwar steil bergauf, jedoch stets unter kühlenden Bäumen entlang führte.

Trotz Feriensaison hatten wir die große Burg fast nur für uns. Es war wie im Urlaub!

Den Nachmittag verbrachten wir ruhig, denn am Abend wollten Ansgar und ich uns einen Vortrag des ehemaligen Chefkonstrukteurs vom Karosseriewerk Dresden (KWD), Herrn Dipl.-Ing. Horst Tilp anhören. Sein Thema lautete: „Die Karosserievarianten des Wartburg aus dem KWD“ und brachte spannende Einblicke in die gar nicht so eintönige Modellpolitik des DDR-Fahrzeugbaus, die wesentlich aus Dresden und Radeberg mitgeschrieben wurde.

Der Samstag begann mit einem  Besuch im Gebäude OV des ehemaligen Werkes in Eisenach. Die so genannte Ostkantine beherbergt seit vielen Jahren die Sammlung des Vereins Automobilbaumuseum Eisenach e.V. und präsentiert sich in ihrem Inneren mittlerweile renoviert und sehr aufgeräumt. Verschiedene Fahrzeuge sind hier zu bewundern. Egon Culmbacher, ehemaliger Sportfahrer des VEB AWE führte interessierten Besuchern gern den so genannten 3/4-Takter vor.

Dieser, auf ein im vorderen Bereich geringfügig geändertes Wartburg 353-Fahrgestell montierte Dreizylinder-Viertakt-Motor, hat einen etwas rauen aber keinesfalls unsympathischen Klang. Ich hatte diesen Motor schon oft gesehen, aber leider noch nie die Gelegenheit ihn bei der Arbeit zu erleben. Ein Erlebnis!

Anschließend besuchten wir das Museum, welches im Zuge seiner andauernden Umbauten, schon wieder ein völlig neues Gesicht präsentierte. Dazu jedoch an anderer Stelle mehr.

Der Besuch war auch hier wieder sehr interessant.

Den Nachmittag verbrachten wir wieder auf dem mittlerweile gut gefüllten Festplatz Spicke, auf dem sich das eigentliche „Heimweh“-Treffen abspielt.

Der Allgemeine Wartburgfahrerclub Eisenach schätzt, dass sich ca. 500 Fahrzeuge am Treffen beteiligt haben. Geschätzt wurden die Teilnehmer, weil die über 400 Willkommenspäckchen mit Startnummer bereits Samstagmittag aufgebraucht waren und danach keine weiteren Startnummern mehr vergeben wurden.

Auf dem Platz trafen wir viele Bekannte aus der IFA-Szene.

Der Abend klang schließlich mit  einem weiteren Vortrag aus.

Dieses Mal zu einem ganz ähnlichen Thema, wie am Vorabend. Dipl.-Ing. Horst Mohaupt referierte über die Geschichte des Karosseriebau in Dresden - von Gläser bis KWD.

Dabei gab es einige, aber nicht zu viele Überschneidungen zur Präsentation von Herrn Tilp.

Interessant fand ich vor allem, dass die Geschichte der  1864 gegründeten Firma Gläser in Dresden, die nach dem II. Weltkrieg in KWD umbenannt worden war, keinesfalls 1990 oder 1991 endete. Vielmehr führte der damalige Betriebsdirektor das Werk noch bis 1999 weiter. Die Karosseriewerk Dresden GmbH (KWD) existiert noch heute und ist als Zulieferer der Automobilindustrie aktiv im Geschäft.

Deutlich wurde in beiden Vorträgen, was auch sonst von Vertretern des Eisenacher Werkes bereits zu vernehmen war: Die stets sehr aktiven und innovativen Ingenieure, die sich immer wieder durch Entscheidungen der sozialistischen Planwirtschaft ausgebremst sahen, sehen sich heute einer offenbar deutlich spürbaren Geringschätzung ihrer Lebensleistung ausgesetzt. Ganz nach dem Motto „Mit den zwei Modellen Wartburg habt Ihr Euch 40 Jahre lang um Euch selbst gedreht!“ sehen sie sich auch heute noch immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert.

Deshalb war es auch so wichtig, die Vielfalt der Modelle und die große Anzahl von Entwicklungsmustern hervorzuheben. Eben weil sie immer wieder gestoppt wurden und für die Konsumenten in der DDR weitgehend unsichtbar blieben.

Mit interessanten Gesprächen endete dieser Abend.

Der nächste Tag brachte die Abreise aus Eisenach mit sich. Die angekündigten hohen Temperaturen ließen eine direkte Heimfahrt nach Rückgabe der Ferienwohnung geraten erscheinen.

So verabschiedeten wir uns von Familie Glahse, die nach ihrer Heimkehr nach Osnabrück noch eine weitere Urlaubswoche mit ihrem Campinganhänger plante.

Wir fuhren ebenfalls nach Hause und erlebten eine problemlose Reise. Zu mindestens fast. Knapp 4 km vor unserem Ziel musste sich leider einer unserer Söhne explosionsartig übergeben.

So hatten wir doch noch ein wenig mehr Abenteuer auf der Rückreise, als ursprünglich geplant. Außerdem ermöglichte die anschließende Grundreinigung des Autos eine weitere, schon fast meditative Beschäftigung in der Gluthitze eines Sonntagnachmittages Anfang August.

Was bleibt von diesem Wochenende?

Zum Ersten die Bestätigung unserer Erwartung: Eisenach und die gesamte Region lohnen stets eine Reise.

Zweitens, die Thüringer Küche erhöht den Reiz einer Reise in die Gegend noch einmal ungemein.

Drittens, die Fahrzeughistorie Sachsens und Thüringens bietet jede Menge Interessantes und stets auch immer wieder ein paar Überraschungen.

Viertens, das Heimweh-Treffen der (unheimlich) Aktiven des A-W-E ist eine enorme Bereicherung der gesamten Szene und schon heute eine würdige Fortsetzung der Reihe beeindruckender Leistungen fleißiger Thüringerinnen und Thüringer.

Daraus ergibt sich fast zwangsläufig Fünftens:

Wir kommen gern wieder!

Vielen Dank an die fleißigen Helferinnen und Helfer des Heimweh-Treffens. Danke an die Veteranen des DDR-Fahrzeugbaus, dass sie die heutigen Fans ihrer früheren Erzeugnisse an ihrem Wissen und ihren Erfahrungen teilhaben lassen. Danke an all die Gäste, die durch ihr angenehmes und kultiviertes Benehmen das Heimweh-Treffen auch für Familien zu einem schönen Ereignis machen.

 

/ Stephan Uske