Prototypen und Versuchsfahrzeuge II (Signale 68-89)

Wartburg P100

Entwicklung von Alternativen zum BM 353

In der letzten Ausgabe berichtete Dirk Köhne von der Entwicklung des Baumusters 353 und einigen Versuchsmustern aus der 353-Familie. Der nun vorliegende Teil beschäftigt sich mit der Zeit vor dem Wartburg 353.

 

P100Wartburg P100 (BM 314)

Noch vor der Entwicklung des BM 353 entstand der Entwurf des P100, der als Wartburg 314 hätte produziert werden sollen. „P“ steht hier für „Projekt“. Die Entwicklung des P100 erfolgte parallel im AWE und im AWZ.

Für den P100 wurde ein Unterflur-Mittelmotor mit liegenden Zylindern entwickelt. So konnte der P100, ähnlich dem westdeutschen VW Typ 3 (1500 / 1600 / TL) zwei Kofferräume vorweisen. Allerdings plagten die Motoren des P100 thermische Probleme, bedingt durch die Einbaulage.

Erwähnenswert, dass das für den ungeliebten Entwurf P100 entwickelte Getriebe viel, viel später im 1.3er Verwendung fand, was hier in der ersten Produktionszeit zu häufigen Garantieschäden am Getriebe führte.

Ähnlichkeiten mit dem ungefähr zur gleichen Zeit entwickelten und ab 1965 produzierten DKW Audi F103, später Audi 60 sind auffallend.

Form und Größe von Front- und Heckscheibe erinnern an die dem Projekt folgende Entwicklung des BM 353.

Das Antriebskonzept des P100 fand im Entwurf zum Nachfolger der BM 313, dem Sport-Coupé HS 313/2 weitere, ebenso Verwendung. Für die Serienfertigung ebenfalls erfolglos.

 

Wartburg P760Wartburg P760

Einige Quellen bezeichnen schon das Projekt 760 als RGW-Auto. (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, gegründet 1949 als sozialistisches Pendant zum Marshallplan und zur Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit; führt wikipedia aus.) Diese Konfusion entstand, da beim späteren RGW-Auto (siehe Wartburg 360), die beteiligten Škoda-Werke diesen als P760 bezeichneten.

An der Entwicklung des P760 waren das AWE und das AWZ beteiligt. Für die Formgestaltung (moderner gesagt: das Design) waren die Formgestalter (moderner gesagt: die Designer) des AWZ verantwortlich. Hierbei erzielten sie keinen großen Wurf. Schon zu Zeiten der Entwicklung und Erprobung entstand unter vorgehaltener Hand die Bezeichnung „Hängebauchschwein“.

Entwickelt und als Prototypen für den Fahrversuch gebaut wurden Ausführungen mit zwei und vier Türen. So erreichte das P760 den Status von mehreren fahrfähigen Erprobungsfahrzeugen, bevor das Projekt eingestellt wurde.

 

Wartburg 355Wartburg 355

Teilweise wird der 1968 entwickelte Wartburg 355 als Coupé bezeichnet. Dies ist einerseits sicherlich seiner Karosserieform geschuldet, die man heutzutage als Coupélimousine bezeichnet. Andererseits könnte man daraus folgern, dass das BM 355 parallel zum BM 353 gebaut werden und so das Angebot des AWE erweitern sollte. Auch die Bezeichnung als Baumuster (BM) und nicht als Projekt (P) lässt diese Annahme zu.

Immer wieder vermelden Quellen, dass die Formgestaltung des BM 355 die Linienführung des westdeutschen VW Passat (Typ 32) nicht nur vorweggenommen hat, sondern dass die Konstruktionszeichnungen des BM 355 irgendwie ihren Weg nach Wolfsburg gefunden haben. Dem entgegen steht, dass der Passat aus dem Audi 80 B1 (Typ 80 / 82) entwickelt wurde. Weiter steht dem der Umstand ein wenig im Wege, dass der Passat zuerst mit kleiner Kofferraumklappe und nicht, wie das BM 355, mit großer Heckklappe erschien.

Auch sprechen Quellen immer wieder davon, dass auch der VW Golf (Typ 17) und der VW Polo (Typ 86) von der Form des BM 355 abgeleitet worden sein sollen. Eine Annahme, die auch das AWZ für seine Entwicklungen P603 und P610 beansprucht. Für die Form des Golfs sehe ich das als möglich an.

Fest steht, dass das BM 355 mit seiner glasfaserverstärkten Kunststoffkarosserie und der großen Heckklappe, die erstmals im deutschen Automobilbau verwendet wurde, eine zukunftsweisende Entwicklung war.

Mit einem Gewicht von etwa 840 kg hätte das BM 355 mit 55 PS- Zweitaktmotor eine Vmax von 142 km/h erreichen können. Auch diese Leistungsdaten lassen annehmen, dass das BM 355 parallel zum BM 353 gebaut hätte werden sollen; denn die Motoren des BM 353 streuen in der Leistungsabgabe durchaus bis 55 PS.

Als Alternative wurde ein Renault-Viertaktmotor mit 1400cm³ und 74 PS in einzelne Fahrzeuge des BM 355 eingebaut und erprobt.

Nach dem Bau von sechs fahrfertigen Prototypen musste die weitere Verfolgung der Entwicklung des BM 355 auf Weisung der zuständigen, unfachmännisch agierenden Regierungskreise eingestellt werden. Der Spruch, „ein solches Playboy-Auto wird im Sozialismus nicht gebraucht“, ist uns allen sicher bekannt.

 

Wartburg 360Wartburg 360

Zu Anfang der 1970er Jahre machte sich die rückläufige Einführung von Neuerungen (deren Schuld nicht bei den Automobilwerkern lag) mit Auswirkungen bei der Fahrzeugfertigung im gesamten Ostblock bemerkbar.

So drängte man seitens der RGW-Staaten auf Modernisierungen. Diesem Druck konnte sich die dem Automobilbau beharrlich negativ eingestellte SED-Führung nicht entziehen.

Die Leitung dieses Gemeinschaftsprojektes, welches die Fertigung von PKW innerhalb des RGW in Arbeitsteilung effizient gestalten sollte, oblag der DDR und der ČSSR.

Das bei Škoda als P760 und im AWZ als 610M bezeichnete Fahrzeug sollte den Trabant 601 wie auch den Škoda 100 ablösen. Als 4-türige Variante Wartburg 360 sollte es ab 1974 in Eisenach das BM 353 ablösen. Grundlage für das sogenannte „RGW-Auto“ bildete das „Hängebauchschwein“ P760. Jedoch plagten erhebliche Differenzen über grundlegende konstruktive Eigenschaften die Entwicklung von Anfang an. Frontmotor und Frontantrieb favorisiert von der Führung der DDR; Heckmotor und Heckantrieb seitens der ČSSR. Ohne eine wirkliche Einigung bezüglich dieses Zwistes steuerte Škoda Viertaktmotoren zu. Getriebe, Gelenkwellen und Achsen stammten aus DDR-Produktion.

Zur Verwirklichung der Produktion von jährlich geplanten 600.000 Fahrzeugen standen äußerst hohe Investitionen der letztendlichen Ausführung im Wege, die weder von der ČSSR, noch von der DDR aufgebracht werden konnten. Allein für ein neu zu erstellendes Werk zur Getriebefertigung in Eisenach hätten rund 1,5 Milliarden Mark aufgebracht werden müssen.

Daher, und weil nicht nur die beteiligten Länder, sondern auch die beteiligten AWE und AWZ in der PKW-Produktion miteinander konkurrierten (auch das gab es im Sozialismus), wurde die Entwicklung des RGW-Auto gemäß einem Beschluss des Politbüros vom 07.April 1973 beendet.

Interessierten sei noch gesagt, wie ähnlich das RGW-Auto dem Škoda 100 sieht. Auch könnte man hier zudem wieder orakeln, der VW Jetta I (Typ 16) sei vom RGW-Auto abgeleitet. Auch hier zeigen sich Ähnlichkeiten.

Zuletzt sei gesagt, dass das Scheitern des RGW-Autos weitere PKW-Neuentwicklungen in der DDR zum Erliegen brachte und so die Produkte des AWE und des AWZ auf dem westlichen Markt, da inzwischen hinsichtlich der Antriebstechnik völlig veraltet, nicht mehr vermarktet werden konnten. Und nicht nur das! Auch Partnerstaaten der DDR lehnten die zweitaktenden Wartburg und Trabant langsam aber sicher ab.

1974 verbot Großbritannien gar die Einfuhr von Zweitakt-Fahrzeugen; das Ende des Wartburg Knight.

 

Soweit Teil 2. Teil 3 folgt demnächst.

Wie schon eingehend gesagt, habe ich alle Angaben nach bestem Wissen getroffen. Für den Fall, dass ich dabei inhaltliche Fehler gemacht habe, bin ich für entsprechende Hinweis dankbar.

Abschließend noch folgender Hinweis: Bewusst benutze ich nicht die Abkürzung „BRD“, da diese, analog zur Abkürzung „DDR“, ebendort entwickelt wurde. In der Bundesrepublik Deutschland wurde die Abkürzung „BRD“ nie offiziell genutzt.