O-Ton (Signale 69-90)

Wartburg-Motorwagen Typ II

Vor 40 Jahren in der Wartburg-Signale

In loser Folge veröffentlichen wir unter dieser Rubrik Texte aus der über 45 jährigen Geschichte unserer Zeitschrift „Wartburg-Signale“. Diese Artikel bieten oftmals einen interessanten Einblick in die offizielle und zeitgenössische Sichtweise des Werkes auf das Produkt Wartburg und seine Technik.

 

Dies nun ist Chronik, Historie. Die Geschichte des Eisenacher Automobilbaues beginnt mit folgendem Datum: dem 3. Dezember 1896. An diesem Tage gründete ein Bankenkonsortium die Fahrzeugfabrik Eisenach AG, und bald darauf wurde von der Firma die Herstellung von Motorwagen aufgenommen. Damit gehört der Eisenacher Automobilbau mit seither achtzigjährigem profilierten Wirken zu den ältesten Personenkraftwagenfabrikationen der Welt. Gründungszeitpunkt und die noch vor der Jahrhundertwende entstandenen Wartburg-Motorwagen verweisen auf eine bedeutsame Etappe und auf wesentliche Vorgänge in der Entwicklung des Automobils überhaupt.

 

Aber es war ein sehr langer und weiter Weg, bis es erst mal dazu kam.

Schon vor Jahrtausenden dachte der Mensch an schnellere und bequemere Fortbewegung. Der von Pferden gezogene Wagen, ein mittlerweile mehr als 4000 Jahre altes Gefährt, stellte nur eine erste Stufe dar. Mit dem Antrieb durch Muskelkraft war man noch weit entfernt von einer Lösung. Noch fehlte dem Wagen ein Motor. Anstöße dazu ergaben sich dann aus dem Bereich der materiellen Produktion. Hier übte die Dampfmaschine umwälzende Einflüsse aus, auf die Industrialisierung und auf das Verkehrswesen. Der 1769 von Cugnot gebaute Dampfwagen gilt als der eigentliche Urahn des modernen Automobils.

 

Dampfwagen ergaben jedoch keine Alternative zu der im Landtransport viel rationelleren Eisenbahn. Einen Motor, in dem Luft durch Verbrennung von Gas ausgedehnt wurde, entwickelte 1859 Lenoir in Paris. Auf dieses Prinzip stützte sich N. A. Otto und schuf den Verbrennungsmotor als stationäre Kraftmaschine. Die Weiterentwicklung zum kleinen, leichten und schnellaufenden Motor erfolgte durch Daimler und Maybach. Sie bauten 1885 den ersten spezifischen Fahrzeugmotor, und 1886 erhielt Benz das Patent auf ein dreirädriges Fahrzeug als Motorwagen im Ganzen.

 

Die Erfindung des Automobils hatte stattgefunden. Von einem Aufsehen erregenden oder gar schon halbwegs „weltbewegenden" Ereignis konnte jedoch keine Rede sein.

Erst im nächsten Jahrzehnt, 1894, gab es einen Durchbruch, als bei der von einer französischen Zeitung veranstalteten Wettfahrt für „Wagen ohne Pferde" von Paris nach Rouen zwar ein Dampfwagen zuerst das Ziel erreichte, aber zwei Motorwagen die Wettbewerbsbedingungen, „leicht, handlich und mit nicht zu teuren Fahrtkosten" anzukommen — eine bemerkenswerte Orientierung schon auf wichtige Gebrauchswertmerkmale, am Besten erfüllten.

 

Seitdem erst war jenes automobile Fahrzeug mehr ins Blickfeld geraten und begann seinen Weg zum heute modernsten Individualverkehrsmittel.

Bereits von diesem Stadium an, als das Auto gewissermaßen die ersten Schritte laufen lernte und Einzelstück-Anfertigung von ersten „Serien"-Fabrikationen abgelöst wurde, waren also Wartburg-Motorwagen der 1896 gegründeten Fahrzeugfabrik Eisenach kennzeichnenderweise und in ihrer Art maßgebend mit von der Partie.

 

Allerdings war das Auto damals, in seiner ersten Entwicklungsphase, konstruktiv und im Aussehen noch kaum mehr oder anders als eine motorisierte Kutsche, ein Wagen ohne Deichsel, denn statt dem Pferd machte — und darin bestand vorerst der hauptsächliche Unterschied — eine hinten unter dem Sitz angebrachte Verbrennungskraftmaschine das Fahrzeug mobil.

 

„Kutschierwagen" nannte man daher auch die Erzeugnisse der Fahrzeugfabrik Eisenach. Offiziell hießen sie aber Wartburg-Motorwagen. 1898 schon wurden zwei Modelle gebaut. Das Modell 1 hatte einen 479-cm³-Motor, der etwa 3,5 PS leistete. Es war ein luftgekühlter „Benzin-Zwillingsmotor", zusammengesetzt aus zwei Einzylindermotoren. Mit einem Zweiganggetriebe befand sich dieses Triebwerk an der auch gleich direkt angetriebenen Hinterachse.

Wie gesagt, Motorwagen sahen damals einer Kutsche fast zum Verwechseln ähnlich, denn noch gab es für jene Mobile keine spezifische Fahrwerkkonstruktion und keine eigenständigen Aufbauten.

 

Immerhin aber machte der Wartburg-Motorwagen in dieser Hinsicht schon eine beachtlich gute Figur. Der leichte zweisitzige Aufbau war auf einen Stahlrohrrahmen montiert und wurde vorn durch eine Querblattfeder abgefedert, hinten hing er in weit nach oben geschwungenen C-Federn. Die Vorderräder besaßen bereits eine Achsschenkellenkung, betätigt wurde diese mittels einer senkrechtstehenden Handkurbel. Bremsen gab es in Form von drei Außenbandbremsen an der Hinterachse. Eine davon, fußbetätigt, wirkte am Differential, und zwei durch Handhebel bediente befanden sich auf der Achswelle neben den Hinterrädern.

 

Obwohl sonst nahezu identisch, hatte das Modell 2 des Wartburg-Motorwagens einen wassergekühlten und stärkeren Motor. Daher war oder ist das Modell 2 erkennbar an dem vorn angebrachten und so am besten dem Fahrtwind ausgesetzten Schlangenrohr-Wasserkühler. Der Zweizylindermotor lieferte aus 764 cm³ Hubraum bei 1000 U/min 5 PS Leistung. Damit brachte es der Wagen auf eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 40 km/h.

 

Die Eisenacher Motorwagen erhielten schnell beste Zensuren. Schon 1899 erzielten sie bei Wettbewerben und auf Ausstellungen 22 Goldmedaillen und Erste Preise. In einem zeitgenössischen Bericht lautete die Beurteilung: „Die Ausführung des Wartburgwagens ist eine sehr präzise. Der Motor ist stark genug, um alle Steigerungen auf offenen Straßen zu nehmen. Das Fahren ist leicht und angenehm. Das gefällige Gefährt besitzt einen Motor, der geräusch- und geruchlos arbeitet, und läßt sich durch das Fortfallen aller Erschütterungen sehr bequem fahren."

 

So ganz zutreffend wird dieser „Test" zwar nicht gewesen sein, man mag aber daraus Zweierlei erkennen. Erstens, daß das Fahrtempo allein schon damals nicht mehr als das einzig ausschlaggebende Merkmal der selbstbeweglichen Gefährte zur Debatte stand und, zweitens, daß Wartburg-Motorwagen wohl doch bereits mit Maßstäbe setzten für weitere Kriterien.

 

Tatsächlich hatten die Eisenacher Motorfahrzeuge für damalige Begriffe allerhand Vorteilhaftes zu bieten an solider Qualität, leichter Bedienung und Fahrkomfort.

 

Die Firma lieferte die Wartburg-Motorwagen — übrigens zum Preis von 3500 bis 3950 Goldmark — in diversen Aufbau-Ausführungen. Da gab es die einfache zweisitzige Form, geflochtene Seitenverkleidung, stoff- oder lederbezogene Sitzpolster, eine Ausführung mit drittem Sitz vorn und entgegen der Fahrtrichtung, auch eine Ausführung mit Klappverdecken wurde angeboten, mit Azetylenlampen, Ballhupe und sogar mit einem Schirmbehälter an der Seite.

Alles in allem: Die Wartburg-Motorwagen waren erstklassig — sie wurden bevorzugt angeschafft und zählten bald zu den damals in Deutschland von den privilegierten Schichten meistgefahrenen Wagen, sie wurden auch schon nach England und als „Cosmobile" nach Nordamerika verkauft.

 

Indessen zeigten sich schon Ansätze zu einer Gesamtbauweise, mit der die Motorwagen auch äußerlich eine bisherige Ähnlichkeit mit der Kutsche abzustreifen begannen.

In Eisenach entstanden Fahrzeuge, die ganz neue Konstruktionsmerkmale aufwiesen. So wurde im Stahlrohrrahmen der zweizylindrige Motor mit Schlangenrohrkühler und Andrehkurbelmechanismus vorn eingebaut. Die Kraftübertragung erfolgte durch eine Kardanwelle und ein Übersetzungsgetriebe mit Vorgelege auf die starre Hinterachse. Der hinten von Längsblattfedern abgefederte Aufbau, noch zweisitzig, hatte vorn bereits eine regelrechte Motorhaube, und hinter der Spritzwand war die Lenksäule schräggestellt.

 

Kurz nach Beginn des 20. Jahrhunderts traten die Wartburg-Motorwagen also schrittweise ein in die Entwicklung zu Eisenacher Automobilen klassischer Prägung.

Diesen ebenfalls markanten Abschnitt und den später anschließenden Verlauf behandelt dann die nächste Folge dieser Beitragsserie.

 

Dieser Artikel erschien in der:

/ Wartburg-Signale 4/1976