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Heimweh-Fernweh (Signale 73-94)

Heimweh-Fernweh (Signale 73-94)

Gespeichert von Stephan am So., 08.07.2018 - 12:38
1.3er und 353er Reihe

Heimweh-Treffen 2018 in Eisenach

Stolz präsentiert ein Wartburg-Besitzer einem Mitbürger mit solidem Volkswissen sein Auto.

"Wartburg!" - "Und da hat Luther drin gewohnt?"

Als ich diese Karikatur auf einer Kaffeetasse das erste Mal sah, habe ich mich köstlich amüsiert. Umso mehr freut es mich, dass ich nun stolzer Besitzer zweier solcher Tassen bin. Dank dem Museumsladen im O2, dem ich anlässlich meiner (erfolgreichen) Fahrt mit dem Ihling-Trans nach Eisenach zum Heimweh-Wartburg-Treffen, einen Besuch abstattete.

Es war wie immer in den letzten Jahren: Der Platz voller Autos, Campingwagen und Leute. Am Samstag vor dem Mittag war auch der letzte Standplatz belegt. Ich bekam nach dem Frühstück die Teilnehmernummer 284, die ich mir zu Fuß abholte, da ich am Freitagabend erst im Dunklen ankam. Irgendwann wurde die 400 ausgegeben, denn sowie ein Teilnehmer den Platz verließ, wurde ein anderer Ankömmling eingewiesen. So hatte ich mehrere wechselnde Nachbarn rund um meinen Platz.

Interessant war es mit zwei 1.3er Besitzern. Der Eine hatte seinen noch für teuer Ostmark 1990 erworben und war einer der Wenigen, der ihn dann zu Westmarkzeiten nicht verscherbeln wollte. Der Andere hatte einen der Verscherbelten billig erworben. Nachdem Beide gewisse Zeit später anfingen, den Rost zu beseitigen und die Fahrzeuge zu reparieren, in dem sie also Mühe in die Autos steckten, brachten sie es nicht mehr fertig sie zu verschrotten und haben sie gut erhalten heute immer noch.

Zwei Mal Wartburg 313 Leider stahl mir mein Nachbar zur Linken mit seinem weinroten 353 Tourist von 1970 die Schau. Sogar die beiden Kalendermodels wurden damit abgelichtet. Des Öfteren musste er die Geschichte seines Autos erzählen, derweil mich kaum Jemand befragte. Allerdings hatte ich eine schriftliche Information hinter die Windschutzscheibe gelegt, die oft gelesen wurde.

Auffällig war die diesmal starke internationale Beteiligung. Es waren Teilnehmer, manchmal in größeren Gruppen, aus fast allen europäischen Staaten da, in die der Wartburg exportiert wurde. Von Benelux bis Bulgarien. Aus Argentinien war ein junger Mann angereist, der sich mit der Geschichte der dort gefertigten Graciella-Wartburgs beschäftigt und auch welche hat. Da mein Englisch nicht besonders ist, geschweige denn das Spanische, habe ich eine Unterhaltung mit ihm gescheut. Sicher werden die Eisenacher seine Geschichten gut bewahren und hoffentlich veröffentlichen.

Der Anteil von Fahrzeugen aus der 311er Reihe war deutlich niedrig. Die ganze Modellpalette war vermutlich vorhanden aber eben in nur wenigen Exemplaren. Auch war nur ein Melkus zu Gast. Etliche F9 parkten kurzzeitig vor dem Gelände. Alle ausgestellten Autos waren in der Regel gut restauriert oder erhalten.

Trotz der hohen Außentemperaturen lief mein Motor ordentlich. Ich hatte mir rund um das Treffen noch einige Tage Zeit genommen. Daher konnte ich meistens die Abendstunden zum Fahren wählen. Am Donnerstagabend ging es über Dessau, um Fränzi abzuholen, nach Leipzig. Dort verbrachte ich mit ihr und ihrem Freund einen schönen Abend im Freiluftrestaurant. Da ich die Stadt als dreckig und öde aus meinen Studentenzeiten her kenne, bin ich jedes Mal wieder erfreut darüber, wie gut sie sich nach anfänglicher Talfahrt nach 1990 in den letzten 15 Jahren entwickelt hat. Die Wirtschaft rundherum bietet wieder Perspektiven, so dass die alten Häuser der Stadt auch in den Außenbezirken wieder renoviert werden oder sind. Am Freitag fuhr ich dann in der Mittagshitze nach Weimar, um einen Studienfreund zu besuchen und in der Dämmerung dann weiter nach Eisenach. Auf dem Rückweg lagen dann noch Besuche bei weiteren Studienfreunden und den Schwiegereltern. Das waren dann so ca. 1300 km ohne Wartburg-Probleme.

Wie schon oben erwähnt, gab es etliche nette Gespräche. Ich traf auch Jemanden, den ich seit den frühen Dornburger Jahren kenne und der mir erzählt hat, dass sich im Grunde der alte harte Kern dort immer noch trifft und sich die Teilnehmerzahlen wieder stabilisiert haben. Es könnte sich also lohnen, dort wieder einmal hinzufahren. Allerdings lässt sich sicher nirgends die Strahlkraft des Wartburg-Treffens von Eisenach erreichen. Am Sonnabend gab es mit beginnender Dämmerung einen Vortrag von Lars Leonhardt über die Entwicklungsgeschichte des Wartburg 1.3, der ja in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag feiert. Fast unbekannt ist der Teil der Geschichte, dass das Wirtschaftsministerium der DDR (oder eine ähnliche Entscheidungsebene) einen Wartburg und einen Trabbi zu VW nach Hannover verbrachte, um bereits im Jahr 1983 dort testen zu lassen, ob der VW-Motor überhaupt einbaubar ist. In einer geheimen Experimentierwerkstatt bekam man das dort zu mindestens beim Wartburg hin und so wurde ohne Konsultation mit den Werken in Eisenach und Zwickau entschieden, die VW-Motorproduktion in die DDR zu holen. Der Experimentalwartburg wurde dann von VW zum AWE verbracht, um dort im Geheimen begutachtet zu werden. Eine im Auto abgelegte VW-Radkappe mit Grüßen von den West- an die Ostkollegen konnte von einem umsichtigen Mitarbeiter vor dem stasiverordneten Vergessen bewahrt werden und wird demnächst im Museum zu sehen sein. Der Rest ist wohl hinlänglich bekannt. Der Vortrag ging in eine Lasershow über und als krönenden Abschluss fuhr Enrico Martin den letzten produzierten 1.3er Wartburg vor, der seine Lebenszeit bisher ja im Museum verbracht hatte. In etlichen Stunden Feinarbeit hatte man das Auto zuvor wieder zum Leben erweckt und sogar ein Plagiat ins Museum gestellt. Das abgelassene original Motoröl hatte man am Freitagabend versteigert. Olaf Heinecken besitzt nun einen Liter davon. Das sonst übliche Feuerwerk des Samstagabends fiel diesmal wegen der Trockenheit aus.

Enrico Martin denkt mit seinen Freunden schon über das 20. Eisenacher Heimweh-Treffen im nächsten Jahr nach und alle hoffen, die hohen Erwartungshaltungen zu diesem Jubiläum zu erfüllen.

Vielleicht sollte der EDWFC zu diesem Ereignis eine Sternfahrt nach Eisenach planen?


Alle Fotos: Martin Völz